Georgianische Epoche (1714–1837)
Die georgianische Epoche umfasst die Herrschaftszeit der vier Könige George I bis George IV und Wilhelms IV in Großbritannien. Im Trauerschmuck ist es die Epoche der Sentimentalschmuck-Erfindung - Sepia-Haarmalerei, Lovers' Eye, Miniaturporträt auf Elfenbein, der Posy-Ring im Übergang zum Memento-Mori-Ring.
Verfasst von Dr. Helene Vasall
Die georgianische Epoche ist die Geburtszeit des modernen Trauer- und Erinnerungsschmucks. Vor ihr existierten Trauer-Schmuckformen - Memento-Mori-Ringe der Renaissance, barocke Skelett-Anhänger, der mittelalterliche Posy-Ring - aber sie waren symbolisch und generisch: ein Totenkopf, eine Inschrift, ein Spruch. Im 18. Jahrhundert wird der Trauerschmuck individuell. Er bezieht sich auf eine bestimmte, namentlich genannte, biografisch greifbare verstorbene Person. Diese Verschiebung von der allgemeinen Todeserinnerung zur konkreten Personen-Erinnerung ist die kulturelle Errungenschaft der georgianischen Epoche - und die Voraussetzung des gesamten viktorianischen und modernen Trauerschmucks.
Zeitraum und politischer Rahmen
Die englische Zählung umfasst:
- George I (1714–1727) - Hannoveraner Thronfolge in England
- George II (1727–1760) - Mitte des 18. Jahrhunderts
- George III (1760–1820) - die längste Regentschaft, parallel zur Französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen
- George IV (1820–1830) - die Regency-Phase (während der Geisteskrankheit Georges III, 1811–1820) und seine eigene kurze Regentschaft
- William IV (1830–1837) - der Übergang zur viktorianischen Epoche
Im deutschsprachigen Raum entspricht diese Spanne dem Spätbarock, dem Rokoko, dem Klassizismus und dem frühen Biedermeier (siehe Biedermeier (1815–1848)). Schmuckhistorisch lässt sich die georgianische Stilperiode in zwei Hälften teilen: vor 1780 dominieren barocke und rokoko-haftere Formensprachen, nach 1780 setzt sich der Klassizismus durch - mit einem starken Bezug auf antike Urnen-, Trauerweide- und Genien-Ikonografie.
Sentimentalschmuck als Leitform
Die zentrale georgianische Schmuck-Innovation ist der Sentimentalschmuck (siehe Sentimentalschmuck) - Stücke, die Gefühle transportieren: Liebe, Freundschaft, Trauer, Erinnerung. Drei Techniken sind paradigmatisch:
Sepia-Haarmalerei (siehe Sepia-Haarmalerei). Ab ca. 1770 verbreitet. Auf einem Elfenbein-Plättchen wird mit zerschnittenem Haar als Pigment und Tinte eine winzige Komposition gemalt - meist Trauerweide über Urne, manchmal eine trauernde Genien-Figur, manchmal eine Inschrift in lateinischer oder englischer Form. Das Stück wird in ein Medaillon, einen Ring oder eine Brosche gefasst.
Lovers' Eye (siehe Lovers' Eye). Ab ca. 1785 verbreitet. Ein einzelnes gemaltes Auge der geliebten oder verstorbenen Person auf Elfenbein, gefasst in einen Ring oder Anhänger. Die ikonografische Verselbständigung des Auges ist eine genuin georgianische Erfindung; das Genre erlebt seine Hochphase zwischen 1790 und 1830.
Miniaturporträt auf Elfenbein (siehe Miniaturmalerei auf Elfenbein). Bereits im späten 17. Jahrhundert etabliert, wird in der georgianischen Epoche zur Standardform der individuellen Personen-Darstellung im Schmuck. Eine kleine Porträtmalerei sitzt im Medaillon oder Ring; sie kann als Liebes-, Erinnerungs- oder Trauer-Stück fungieren.
Hinzu kommen Haararbeiten (gewebte Locken, Mosaikmuster aus Haar) und Inschrift-Stücke (Posy-Ringe mit gravierten Innensprüchen - siehe Posy-Ring (Poesie-Ring)).
Material und Werkstatt
Die georgianische Materialpalette unterscheidet sich deutlich von der viktorianischen:
- Gold (meist 18 bis 22 Karat) - die zentrale Trägermaterial-Wahl
- Silber - bei volkstümlicheren Stücken, oft mit Goldauflage
- Elfenbein - der Standardträger für Miniaturporträt, Lovers' Eye und Sepia-Haarmalerei
- Bergkristall - als transparenter Cabochon-Schutz über Haararbeit und Miniatur
- Haar - als Pigment (zerschnitten, in Sepia-Malerei), als Webware (geflochten), als Hohlfassung-Inhalt (Locke unter Glas)
- Diamant und kleine Farbsteine - als Rahmen oder als Akzent, oft als Tafel- oder Rosenschliff
- Email - Schwarz, Weiß, Royal Blue; vor allem im klassizistischen Spätstil
Auffällig ist die Abwesenheit der dunkelschwarzen Materialien, die das viktorianische Trauer-System prägen werden. Gagat-Schmuck existiert in georgianischer Zeit (vor allem aus Whitby), spielt aber eine marginale Rolle. Berliner Eisen entsteht erst 1813, Vulkanit erst nach 1840. Schwarzes Email gibt es, aber meist nur als Akzent neben Gold und Elfenbein, nicht als dominante Fläche.
Hoftrauer im Aufbau
Die Hoftrauer-Ordnung, die im viktorianischen Zeitalter zur kodifizierten Norm wird, hat ihre Ursprünge in der georgianischen Epoche. Drei Marken sind wichtig:
- George II / Caroline (1737) - der Tod der Königin Caroline führt zu einer ungewöhnlich umfassenden Hoftrauer; erste Standardisierungen der Trauerkleidung am englischen Hof.
- George III / Charlotte (1818) - der Tod der Königin Charlotte und die Hoftrauer ihrer Schwiegertochter Caroline of Brunswick prägen die Stilelemente, die später von Königin Victoria übernommen werden.
- George IV / Princess Charlotte (1817) - der frühe Tod der Thronfolgerin Princess Charlotte löst eine landesweite Trauerwelle aus; Schmuck-Werkstätten produzieren tausende Erinnerungs-Stücke mit ihrem Namen und Sterbedatum. Es ist das erste massive Trauerschmuck-Ereignis der industriellen Zeit und wird oft als Vorläufer der viktorianischen Trauerschmuck-Massenproduktion gesehen.
Ikonografie
Die georgianische Trauer-Ikonografie ist klassizistisch grundiert. Die wichtigsten Bildelemente:
- Urne als Antike-Zitat - meist mit drapiertem Tuch (siehe Urne)
- Trauerweide als naturalistisches Trauer-Symbol (siehe Trauerweide)
- Trauernde Genien-Figur - eine Frauen- oder Engelsgestalt in antikem Gewand, an die Urne gelehnt
- Anker als Hoffnungssymbol (siehe Anker)
- Vergissmeinnicht ab ca. 1800, Übergang zum Biedermeier (siehe Vergissmeinnicht)
- Inschriften in lateinischer Form (In memoriam, Hodie mihi, cras tibi) oder im englischen Sentimental-Stil (Not lost but gone before)
Charakteristisch ist die Kombinationsfreude: in einem einzigen Stück werden oft Urne, Trauerweide, Genien-Figur und Inschrift in einer Komposition vereint. Die viktorianische Reduktion auf das reine Material (mattschwarzer Gagat ohne Bildwerk) ist georgianisch noch unbekannt.
Empfindsamkeit als Kulturkontext
Die georgianische Trauer- und Erinnerungs-Schmuckpraxis ist Ausdruck einer breiteren Kulturbewegung: der Empfindsamkeit (englisch sensibility, französisch sensibilité). In der Literatur (Sterne, Rousseau, Goethe), in der Malerei (Greuze, Reynolds) und im sozialen Verhalten setzt sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts die Idee durch, dass das Gefühl - Tränen, Sehnsucht, Trauer, Mitleid - ein zentraler Wert ist und sichtbar gezeigt werden darf.
Der Sentimentalschmuck ist die materielle Antwort auf diese Kultur. Das Tragen einer Sepia-Haarmalerei mit der Locke der verstorbenen Schwester am Hals ist nicht Sentimentalität im pejorativen Sinn, sondern ein hochkodifizierter Gefühlsausdruck - und damit Standard in den literarisch-bürgerlichen und aristokratischen Kreisen der späten georgianischen Zeit.
Diese kulturelle Verankerung erklärt, warum der georgianische Sentimentalschmuck nicht in der Hoftrauer-Logik aufgeht: er ist privat, nicht öffentlich; individuell, nicht repräsentativ; gefühls-, nicht status-orientiert. Das viktorianische Trauerschmuck-System wird diese drei Pole umkehren - und gerade in der Umkehrung erkennt man, wie eigenständig die georgianische Praxis war.
Übergang zum Viktorianischen
Mit dem Tod Wilhelms IV im Juni 1837 und der Thronbesteigung der achtzehnjährigen Victoria beginnt die viktorianische Epoche. Der Übergang ist gleitend - die ersten viktorianischen Trauer-Schmuckstücke (1837–1845) sind stilistisch noch georgianisch geprägt: Elfenbein-Miniaturen, Sepia-Haarmalerei, Lovers' Eye sind weiterhin im Umlauf.
Die eigentliche viktorianische Stilrevolution kommt erst mit dem Tod von Prinz Albert 1861. Sie verschiebt das Trauer-Material von Gold/Elfenbein auf Gagat/Onyx, sie verlängert die Trauerphasen von wenigen Monaten auf mehrere Jahre, und sie reduziert die Ikonografie auf die mattschwarze Materialfläche selbst. Die georgianische Bildhaftigkeit weicht der viktorianischen Materialhaftigkeit (siehe Viktorianische Epoche (1837–1901)).
Heute
Georgianischer Sentimentalschmuck ist heute Sammlersparte und konzeptionelles Vorbild. Im aktuellen Erinnerungsschmuck-Markt finden sich vor allem zwei Bezüge:
- Lovers'-Eye-Wiederaufnahmen - kleine Werkstätten malen Aquarell-Augen auf Elfenbein-Ersatz und fassen sie historisierend in Goldring oder Anhänger
- Sepia-Haarmalerei-Rekonstruktionen - sehr seltene Aufträge bei spezialisierten Werkstätten, oft als bewusste historisierende Geste für besondere Anlässe
Die größere Wirkung der georgianischen Epoche liegt aber im konzeptionellen Erbe: dass Trauerschmuck eine bestimmte, namentlich genannte, biografisch konkrete Person erinnern soll, ist eine georgianische Idee. Jeder moderne Fingerabdruck-Anhänger steht in dieser Tradition.
Fragen rund um diesen Eintrag
- Warum ist die georgianische Epoche für Trauerschmuck so wichtig?
Weil in ihr die wichtigsten sentimentalen Personalisierungs- techniken erfunden oder kodifiziert wurden. Sepia-Haarmalerei, Lovers' Eye und das auf den individuellen Verstorbenen bezogene Miniaturporträt sind georgianische Erfindungen, die das viktorianische Trauerschmuck-System überhaupt erst möglich machten. Die Empfindsamkeit als kulturelle Grundhaltung - Trauer als ausdrucksvolle, sichtbare, personalisierte Geste - ist eine georgianische Errungenschaft.
- Was unterscheidet georgianischen Trauerschmuck vom viktorianischen?
Vier zentrale Unterschiede. Material: georgianisch ist Gold und Elfenbein primär, viktorianisch Gagat und Onyx. Personalisierung: georgianisch ist Bildmedium (Malerei), viktorianisch ist Materialmedium (Haar, Foto). Code: georgianisch ist die Hoftrauer-Ordnung noch im Aufbau, viktorianisch in voller Härte. Stimmung: georgianisch ist Empfindsamkeit, viktorianisch Stillstand.
- Welche modernen Werkstätten arbeiten heute im georgianischen Stil?
Vor allem in England (London, Edinburgh) und in den USA (Boston, Philadelphia) gibt es eine kleine Szene von Werkstätten, die georgianische Sentimentalschmuck-Technik rekonstruieren - Sepia-Haarmalerei auf Elfenbein-Ersatz, Lovers' Eye in Aquarell auf Elfenbein-Imitat, Posy-Ring mit Hand-Sticheltechnik. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es einzelne Werkstätten, die Lovers'-Eye- und Miniatur-Aufträge ausführen.
Weiterführende Literatur
- Sentimental Jewellery - Shire Library - Ann Louise Luthi (2007)
- Hair Jewellery - Mourning and Sentimental - Helen Sheumaker (2008)
- Death Becomes Her - A Century of Mourning Attire - Jessica Regan (2014)
- Georgian Jewellery 1714–1830 - Ginny Redington Dawes, Olivia Collings (2007)
Verwandte Einträge
- GrundbegriffeSentimentalschmuck
Sentimentalschmuck ist der Schmuck der Empfindsamkeit zwischen 1760 und 1840 - Stücke, in denen Liebe, Freundschaft und Trauer dieselbe Bildsprache teilen und in denen erstmals Haar, Miniaturmalerei und persönliche Inschriften zur tragenden Form werden.
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Miniaturmalerei auf Elfenbein ist die im 18. und frühen 19. Jahrhundert führende Technik des persönlichen Porträtschmucks - feinste Aquarell-Arbeit auf 1 bis 5 cm großen Elfenbein-Plättchen, in Goldfassungen gesetzt und als Anhänger, Brosche oder Armband getragen.
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- Techniken & HandwerkGravur und Inschriften
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