Engel und Putten
Engel und Putten sind im Trauerschmuck die ikonografische Brücke zwischen Tod und Erlösung - der Engel als Begleiter der Seele ins Jenseits, der Putto als Bild der unschuldigen Kinderseele. Beide Motive sind im Sentimental- und im viktorianischen Trauerschmuck verbreitet, vor allem im Kontext der Kindertrauer.
Verfasst von Dr. Helene Vasall
Engel und Putten sind im Trauerschmuck die Hoffnungs-Chiffren - die positiven Bedeutungs-Träger, die neben den negativen Memento-Mori-Symbolen (Totenkopf, Sense, Sanduhr) das Bild des Trauer-Stücks komplettieren. Während der Totenkopf den Tod anzeigt, zeigen Engel und Putto die Erlösung und die Fortdauer der Seele. Diese ikonografische Funktion macht beide Motive zu zentralen Bestandteilen der christlich geprägten Trauerschmuck-Tradition vom Barock bis ins späte 19. Jahrhundert.
Theologische Verankerung
Die christliche Engel-Lehre - die Engelologie - ist seit dem 4. und 5. Jahrhundert ausgearbeitet. Engel sind himmlische Boten Gottes, geordnet in einer Hierarchie (Seraphim, Cherubim, Throni, Herrschaften, Mächte, Gewalten, Fürstentümer, Erzengel, Engel). In der Trauer-Ikonografie spielen vor allem zwei Funktionen eine Rolle:
Seelenbegleitung. Engel begleiten die verstorbene Seele auf ihrem Weg ins Jenseits. Diese Funktion ist im katholischen Kontext besonders ausgeprägt und findet ihren ikonografischen Ausdruck in Darstellungen, die einen Engel beim Empfang der Seele am Grab oder beim Aufstieg zum Himmel zeigen.
Schutz und Tröstung. Engel beschützen die Trauernden und trösten sie. Diese Funktion ist im evangelischen und reformierten Kontext zentral und wird oft mit Bibelversen verbunden (etwa Psalm 91:11 - „Er hat seinen Engeln befohlen, dich zu behüten auf allen deinen Wegen“).
Putten sind theologisch weniger eindeutig. In der italienischen Renaissance- und Barock-Bildkunst werden sie als amorini (kleine Liebes-Götter) oder als cherubini (kleine Cherubim) verstanden. Im Trauerkontext kommen drei Bedeutungen zusammen:
- Kinderseele: der verstorbene Säugling, das verstorbene Kind als Putto dargestellt - eine unschuldige, leichte, geflügelte Seele, die ins Paradies aufsteigt
- Allegorischer Begleiter: der Putto als Begleiter eines erwachsenen Verstorbenen, als personifizierte Trauer oder Erlösung
- Cupido-Bezug: der Putto als kleiner Eros, bei Trauer um Geliebte oder bei sentimentaler Liebes-Trauer
Engel im Trauerschmuck
Engel-Darstellungen in Schmuck-Stücken folgen mehreren ikonografischen Mustern:
Stehender Engel an der Urne. Eine klassische Komposition. Der Engel steht oder kniet neben einer drapierten Urne, oft mit einer Hand auf der Urne und einer in den Himmel weisend. Diese Anordnung ist im georgianischen und biedermeierlichen Sentimentalschmuck verbreitet, vor allem in Sepia-Haarmalereien (siehe Sepia-Haarmalerei).
Schwebender Engel als Seelenträger. Der Engel trägt eine kleine Figur (die Seele des Verstorbenen) in den Himmel. Diese Komposition ist im katholischen Trauerschmuck häufig und wird auch in spätbarocken Memento-Mori-Medaillons verwendet.
Trauernder Engel. Ein knieender oder hockender Engel mit verhülltem Gesicht und gefalteten Händen. Eine zurückhaltende Variante, die vor allem im viktorianischen Trauerschmuck und auf Grabsteinen verbreitet ist.
Engel mit Schriftrolle. Der Engel hält eine Schriftrolle oder eine Tafel mit Inschrift - Sterbedatum, Initialen, Trauer-Sentenz. Eine narrativ-funktionale Komposition, die das Bild und die Inschrift verbindet.
Schutzengel über schlafendem Kind. In Kindertrauer-Stücken. Ein größerer Engel wacht über einem kleinen, schlafenden oder still liegenden Kind. Häufig auf Sternenkinder-Medaillons des 19. Jahrhunderts und auf modernen Sternenkinder-Anhängern (siehe Sternenkinder-Erinnerungsschmuck).
Putten im Trauerschmuck
Putten erscheinen meist in komplexeren Kompositionen:
Putto an der Urne. Eine spätbarocke und georgianische Standardkomposition. Ein oder mehrere Putten lehnen sich an eine drapierte Urne, oft mit gesenktem Kopf, gefalteten Händen oder mit einer Trauerweide-Zweig in der Hand. Eine sentimentale Variante des Engel-an-der-Urne-Bildes.
Putto mit Blumenbouquet. Ein Putto, der ein Blumenbouquet (häufig Vergissmeinnicht oder Rosen) der Trägerin oder einer dargestellten Person reicht. Eine verwandte ikonografische Geste zur Hand-mit-Blume (siehe Hand mit Blume (Dexiosis und Blumengeste)).
Putto auf der Wolke. Ein einzelner Putto, der auf einer Wolke schwebt oder sitzt - das Bild der kindlichen Verstorbenen-Seele im Paradies. Häufig in Kindertrauer-Stücken, mit Bezug auf die unbefleckte Seele des verstorbenen Kindes.
Zwei Putten als Trauernde. Zwei Putten in symmetrischer Anordnung - einer trägt eine Trauerweide, der andere weist in den Himmel; einer trauert, einer tröstet; einer sitzt am Grab, einer schwebt zum Himmel. Diese Anordnung ist im barocken und spätbarocken Memento-Mori-Schmuck verbreitet.
Putto als Cupido-Trauer-Figur. Ein geflügelter Putto mit kleinem Bogen und Pfeil, der die Bogensehne traurig herabhängen lässt - Bild der trauernden Liebe (Cupido victus, „besiegter Cupido“). Eine spezifisch barocke Sentimental-Komposition.
Material und Technik
Engel- und Putten-Darstellungen werden in mehreren Techniken ausgeführt:
- Aquarell oder Gouache auf Elfenbein - die feinste Variante, vor allem in georgianischen und biedermeierlichen Miniaturmalerei-Werkstätten
- Sepia-Haarmalerei - mit zerschnittenem Haar als Pigment, eine spezifische Sentimentalschmuck-Technik (siehe Sepia-Haarmalerei)
- Schwarzemail- und Weißemail-Relief auf Gold - die häufigste industrielle Variante, vor allem in viktorianischen Trauerstücken
- Plastische Gold- oder Silber-Modelle - bei besonders aufwendigen Stücken; kleine dreidimensionale Engel- oder Putten-Figuren als zentrales Element
- Eingravierte Linienzeichnung - eine schlichtere Variante, oft auf Innenseiten oder Rückseiten
- Pressblech-Relief - bei industriell gefertigten Massenstücken
Im viktorianischen Trauerschmuck dominiert die emailliierte Variante; im georgianischen Sentimentalschmuck die gemalte oder Sepia-Haarmalerei-Variante.
Kindertrauer als Hauptanwendungsfeld
Die wichtigste Anwendung der Engel- und Putten-Symbolik ist die Kindertrauer. Im 19. Jahrhundert war die Säuglings- und Kindersterblichkeit hoch - in vielen Familien starben ein oder mehrere Kinder vor dem zehnten Lebensjahr. Die Trauer um diese Kinder folgte einer eigenen Ikonografie, in der Engel und Putten zentrale Bedeutungs-Träger waren.
Sterbender oder schlafender Säugling mit Schutzengel. Eine zentrale Komposition. Ein Säugling liegt friedlich, oft in eine Wolke gehüllt; ein Schutzengel wacht über ihm oder trägt ihn in den Himmel. Häufig mit Inschrift Asleep in Jesus, In paradisum, Es schläft oder Im Himmel ist es schön.
Putto-Darstellung des verstorbenen Kindes. Das verstorbene Kind selbst wird als Putto gemalt - geflügelt, friedlich, ins Paradies aufgestiegen. Diese Variante ist im katholischen Süddeutschland und Österreich besonders verbreitet, mit klaren Bezügen auf die italienische Renaissance- und Barock-Putten-Tradition.
Sternenkinder-Anhänger. Bei Fehlgeburten, Totgeburten und sehr früh verstorbenen Säuglingen entstand im 19. Jahrhundert eine eigene Schmuck-Tradition - meist kleine Anhänger oder Medaillons mit Engel- oder Putten-Motiv, oft mit Geburts- und Sterbedatum. Diese Tradition lebt im modernen Sternenkinder-Schmuck fort (siehe Sternenkinder-Erinnerungsschmuck).
Konfessionelle Varianten
Die Engel- und Putten-Verwendung folgt deutlich konfessionellen Linien:
Katholisch (Süddeutschland, Österreich, Italien, Spanien, Frankreich, Polen, irische und französische Diaspora):
- Reiche Engel-Ikonografie, oft mit Marienbild und Heiligenfiguren kombiniert
- Putten-Darstellungen als italienisch-barocke Tradition
- Häufige Verwendung in Trauer-Rosenkränzen, Kreuz-Anhängern und Kindertrauer-Medaillons
- Lateinische Inschriften (In paradisum, Requiescat in pace)
Protestantisch (Norddeutschland, Schweiz, Skandinavien, England):
- Zurückhaltendere Engel-Ikonografie, oft mit Bibelvers-Inschriften
- Putten-Darstellungen seltener, weil als zu italienisch-katholisch empfunden
- Häufigere Verwendung von trauerndem Engel statt schwebendem Seelenträger-Engel
- Deutsche oder englische Inschriften aus dem Neuen Testament
Jüdisch: Engel- und Putten-Symbolik wird im jüdischen Trauerschmuck praktisch nicht verwendet, weil die figürliche Darstellung von Engeln in der jüdischen Tradition nicht etabliert ist.
Niedergang im späten 19. Jahrhundert
Im späten 19. Jahrhundert verlieren Engel und Putten an Bedeutung im weltlichen Trauerschmuck. Drei Gründe:
Säkularisierung des Trauerschmucks. Die viktorianische Hoftrauer-Logik ist weniger religiös als die ältere Sentimentalschmuck-Tradition. Das Trauer-Stück ist primär sozialer Pflichtkode, nicht religiöses Bekenntnis. Engel-Symbolik bleibt damit auf religiös aktive Trägerinnen beschränkt.
Materialhaftige Reduktion. Die viktorianische Vorliebe für rein mattschwarze Materialien (Whitby-Jet, Vulkanit) macht feine figürliche Darstellungen wie Engel und Putten technisch schwierig.
Konkurrenz durch Foto. Die Verbreitung der Daguerreotypie und der Albumin-Fotografie ersetzt die gemalte Engel-Komposition als Bildmedium. Statt einer allegorischen Engel-Darstellung des verstorbenen Kindes wird ein echtes Foto des Kindes ins Medaillon eingelegt.
In der edwardianischen Epoche (1901–1910) und im frühen 20. Jahrhundert kommen Engel- und Putten-Darstellungen nur noch vereinzelt vor - meist in religiös-katholischen Kontexten oder in besonders historisierenden Sentimentalstücken.
Engel im modernen Erinnerungsschmuck
Im aktuellen Schmuckmarkt lebt die Engel-Symbolik vor allem in einem spezifischen Bereich fort:
Sternenkinder-Anhänger. Die wichtigste moderne Anwendung. Bei früh verstorbenen Säuglingen, Fehlgeburten und sehr früh verstorbenen Kindern werden kleine Anhänger oder Medaillons mit Engel- oder Putten-Motiv beauftragt - oft mit Geburts- und Sterbedatum eingraviert, manchmal mit einer winzigen Asche-Hohlfassung oder einem Fingerabdruck (siehe Sternenkinder-Erinnerungsschmuck). Diese spezifische Sub-Sparte ist im DACH-Raum gut entwickelt; spezialisierte Werkstätten in Deutschland, Österreich und der Schweiz fertigen entsprechende Stücke jährlich in vierstelligen Stückzahlen.
Schutzengel-Anhänger. Eine breitere Sparte, die sowohl Erinnerungs- als auch Schutz-Funktionen kombiniert. Kleine Engel-Anhänger werden für Kinder, für Erwachsene als Glücks-Bringer und für Trauernde als Erinnerungs-Stücke angeboten. Die Ikonografie ist meist abstrahiert (einfache Engel-Silhouette, kleine Flügel-Form) und nicht primär trauer-spezifisch.
Religiöse Trauer-Stücke. In katholisch geprägten Familien werden bei Todesfällen weiterhin Engel-Medaillons, Putto-Anhänger und kombinierte Kreuz-Engel-Stücke beauftragt. Diese Sparte ist klein, aber stabil und vor allem in Süddeutschland, Österreich, Italien und in der südamerikanischen Diaspora präsent.
In der Mainstream-Werkstatt-Praxis des modernen Erinnerungsschmucks (Fingerabdruck-Anhänger, Foto-Medaillons, Erinnerungsringe) kommen Engel und Putten kaum vor. Sie sind auf die religiöse und die Sternenkinder-Sparte begrenzt - als ikonografisch klar markierte Spezial-Stücke, nicht als Standardgrammatik des Erinnerungsschmucks.
Fragen rund um diesen Eintrag
- Was unterscheidet einen Engel von einem Putto im Trauerschmuck?
Zwei Unterschiede. Form: der Engel ist meist erwachsen, in langem Gewand, mit großen Flügeln, oft in stehender oder schwebender Pose; der Putto ist kindlich, oft nackt oder mit Tuchgürtel, mit kleinen Flügeln, in sitzender oder fliegender Pose. Bedeutung: der Engel ist Seelenbegleiter oder himmlischer Bote; der Putto ist Kinderseele oder allegorischer Begleiter. Im Trauerschmuck für verstorbene Kinder taucht häufiger der Putto auf, bei Erwachsenen-Trauer häufiger der Engel.
- Welche Trauer-Anlässe rufen Engel-Symbolik auf?
Vor allem Kindertrauer. Bei verstorbenen Säuglingen, Kleinkindern und Jugendlichen ist die Engel- und Putten-Symbolik zentral - die verstorbene Kinderseele wird als Engel oder als Putto dargestellt. Auch bei plötzlichen, unerwarteten Todesfällen (Unfall, Krankheit) und bei religiös motivierten Trauer- Stücken (vor allem im katholischen Kontext) wird die Engel-Symbolik häufig verwendet. Bei Erwachsenen mit lebenslanger religiöser Praxis taucht sie als Begleitsymbol neben anderen Trauer-Chiffren auf.
- Werden Engel im modernen Erinnerungsschmuck verwendet?
Ja, vor allem im Kontext der Sternenkinder-Erinnerung (siehe Sternenkinder-Erinnerungsschmuck). Kleine Engel- oder Putten-Anhänger werden für früh verstorbene Säuglinge, Fehlgeburten und Sternenkinder beauftragt - oft mit Geburts- und Sterbedatum, manchmal mit Asche oder Fingerabdruck als Personalisierung. Die ikonografische Tradition lebt in dieser spezifischen Sub-Sparte besonders lebendig fort.
Weiterführende Literatur
- Symbols of Death - Iconography of Mourning - Edwin Mullins (1985)
- Death Becomes Her - A Century of Mourning Attire - Jessica Regan (2014)
- Sentimental Jewellery - Shire Library - Ann Louise Luthi (2007)
- Friedhof und Denkmal - Vierteljahresschrift für Sepulkralkultur - Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal (2018)
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