Onyx
Onyx ist eine schwarze Varietät des Chalzedons, die im viktorianischen Trauerschmuck der zweiten Trauerphase das glänzende, polierte Gegenstück zum matten Gagat bildete.
Verfasst von Dr. Helene Vasall
Im viktorianischen Trauerschmuck war Onyx der Stein der zweiten Trauerphase. Während Gagat mit seinem matten, körperwarmen Schwarz die tiefe Trauer dominierte, durfte erst nach dem Verstreichen des ersten Trauerjahres mit Onyx wieder Glanz ins Trauerschmuckstück. Anders als Gagat ist Onyx ein anorganisches Material - eine schwarze Varietät des Chalzedons, also feinkristallines Quarz.
Materialeigenschaften
Onyx ist hart (Mohs 7), kühl in der Hand und nimmt eine sehr hohe Politur an. Die Farbe ist tiefschwarz, oft mit fast bläulichem Schimmer im streifenden Licht. Echter Onyx ist heute fast immer gefärbter Chalzedon: das natürliche Material zeigt meist Bänderung (deshalb das Verwandtwort Sardonyx für die rotbraun gestreifte Varietät), die einheitlich schwarze Farbe entsteht durch eine traditionelle Färbemethode - Tränkung in Zuckerlösung und anschließende Schwefelsäure-Behandlung. Das Verfahren ist seit dem 19. Jahrhundert üblich und beim Großteil der historischen Stücke anzunehmen.
Die wichtigsten Lagerstätten liegen in Brasilien (Rio Grande do Sul) und Uruguay; Indien lieferte im 19. Jahrhundert geringere Mengen. Im Gegensatz zu Gagat mit seiner Whitby-Monokultur war die Onyx-Produktion immer breit aufgestellt - was Onyx im viktorianischen Markt deutlich günstiger machte als Gagat.
Onyx im viktorianischen Trauerschmuck
Die viktorianische Hoftrauer-Ordnung kannte drei Phasen (siehe Witwenschmuck). In der ersten Phase war jeder Glanz untersagt; nur matte, organische Materialien wie Gagat, Vulkanit, Berliner Eisen und schwarzes Emaille auf Gold waren erlaubt. Die zweite Phase erlaubte glänzendes Schwarz, kleine Akzente in Weiß und Goldfassungen als zurückhaltende Einrahmung - hier wurde Onyx zum Hauptmaterial.
Typische Stücke der zweiten Phase:
- Trauerring mit Onyx-Cabochon, oft mit eingelegter weißer Inschrift (In memoriam, Sterbedatum)
- Trauerbrosche mit zentralem Onyx-Stein, umrahmt von kleinen Saat-Perlen
- Anhänger mit Onyx-Platte und Goldgravur auf der Rückseite
- Manschettenknöpfe für Witwer - Onyx war hier sogar in der ersten Phase geduldet, weil das Material an Männern weniger sichtbar war
Die Goldfassungen waren meist 9 oder 14 Karat; höhere Karatzahlen erschienen als zu prunkvoll für Trauerschmuck.
Vom Trauerstein zum Art-déco-Material
Mit dem Ende der formalen Hoftrauer um 1900 verlor Onyx seinen Trauerkontext, wurde aber paradoxerweise populärer: der Art déco der 1920er und 1930er Jahre liebte die geometrische Kombination aus Onyx-Schwarz, Bergkristall-Weiß und Diamantakzenten. Cartier, Van Cleef & Arpels und Boucheron arbeiteten in dieser Zeit intensiv mit Onyx, jetzt allerdings als Modematerial, nicht mehr als Trauerstein.
Damit ist Onyx eines der wenigen historischen Trauermaterialien, das einen klaren Genre-Wechsel überlebt hat - anders als Gagat oder Vulkanit, die mit dem Ende der viktorianischen Trauer praktisch aus der Schmuckpraxis verschwanden.
Onyx heute
Im modernen Erinnerungsschmuck taucht Onyx in drei Kontexten auf:
- Klassisches Material in zeitlosen Ringen - oft als Cabochon ohne dezidierten Trauerbezug.
- Träger für Lasergravur - die polierte Onyx-Oberfläche nimmt Lasergravuren mit hohem Kontrast auf (weiße Linie auf schwarzem Grund). Initialen, Daten und gelegentlich auch Fingerabdruck-Linien werden direkt in den Stein gefräst.
- Hintergrundstein für Inlay-Arbeiten - eine Onyx-Platte als Trägerfläche, in die ein Gold- oder Platin-Inlay mit einem Fingerabdruck-Linienzug eingelegt wird. Die Technik ist im hochwertigen Erinnerungsschmuck etabliert.
Beim Kauf historischer Stücke ist auf zwei Punkte zu achten: ob das Material wirklich Onyx ist (häufige Verwechslung mit French Jet, also schwarzem Glas - Glas ist kälter und leichter), und ob die Färbung dauerhaft ist (sehr alte gefärbte Stücke können in Schweißkontakt mattieren).
Fragen rund um diesen Eintrag
- Ist Onyx dasselbe wie Gagat?
Nein. Gagat ist fossiles Holz (organisch), Onyx ist eine mineralische Quarzvarietät. Optisch lassen sie sich aber leicht verwechseln. Onyx ist deutlich kälter in der Hand, härter (Mohs 7 gegen 2,5–4 bei Gagat) und glänzt nach dem Polieren stärker.
- Warum kam Onyx erst in der zweiten Trauerphase zum Einsatz?
Die viktorianische Hoftrauer-Ordnung verbot jeden Glanz in der ersten Trauerphase - Onyx mit seinem starken Politurglanz war damit zu „lebendig“. Erst in der zweiten Trauer durften glänzende schwarze Materialien getragen werden; Onyx wurde dort zum Hauptstein.
- Wird heute viel mit Onyx gehandelt?
Ja, vor allem im mittleren Preissegment. Onyx ist robust, hautverträglich und behält seine Politur. Im modernen Erinnerungsschmuck taucht er als Cabochon in Ringen und Anhängern auf, zunehmend auch in Kombination mit Lasergravur oder als Hintergrund für Fingerabdruck-Inlays.
Weiterführende Literatur
- Mineralogie und Edelsteinkunde - Walter Schumann (2019)
- Victoria and Albert Museum - Jet & Onyx in Mourning Jewellery
- Gems: Their Sources, Descriptions and Identification - Michael O'Donoghue (2006)
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