Materialien

Vulkanit (Ebonit)

Vulkanit ist gehärteter, schwarz eingefärbter Naturkautschuk - eine industrielle Erfindung der 1840er Jahre, die im viktorianischen Trauerschmuck als günstige Gagat-Alternative weite Verbreitung fand.

Verfasst von Dr. Helene Vasall

vulkanitebonitviktorianischkautschukschwarzmassenware

Vulkanit war im viktorianischen Trauerschmuck das, was French Jet für die kontinentale Massenware bedeutete: eine günstige, optisch überzeugende Alternative zum teuren Whitby Jet. Der entscheidende Unterschied: French Jet war Glas, Vulkanit ein industriell hergestellter Kunststoff der ersten Generation - und damit das technologisch interessanteste der drei großen schwarzen Trauer-Imitatsmaterialien.

Material und Herstellung

Vulkanit entsteht durch die Vulkanisation von Naturkautschuk: das Rohmaterial wird unter Hitze (etwa 140 °C) mit Schwefel vernetzt, wodurch ein harter, dauerhafter Werkstoff entsteht. Charles Goodyear patentierte das Verfahren 1844; im Zuge der Patent-Streitigkeiten der folgenden Jahre etablierten sich mehrere Hersteller in den USA und in England.

Für Trauerschmuck wurde die Kautschuk-Schwefel-Mischung mit Ruß und Eisenoxiden tief eingefärbt. Das fertige Material ließ sich gießen, pressen, drehen und polieren wie Holz oder Horn - ein in den 1850er Jahren für die Schmuckherstellung sensationell flexibler Werkstoff. Die hauptsächliche Formgebung erfolgte durch Pressen: ein erhitztes Halbfabrikat wurde in metallene Modeln gepresst und nach dem Abkühlen entgratet.

Vulkanit im viktorianischen Trauermarkt

Die Hochphase liegt zwischen etwa 1860 und 1895. Birmingham war das englische Zentrum der Produktion; mehrere Manufakturen - darunter die Indo-Rubber, Gutta-Percha and Telegraph Works Company - lieferten europaweit. Typische Schmuckstücke:

  • Trauerbroschen mit Reliefmotiven (Anker, Trauerweide, Vergissmeinnicht)
  • Anhängerketten aus gegliederten Vulkanit-Perlen
  • Armreifen als geschnittene Vollstücke
  • Ohrgehänge in tropfen- oder trauben-förmigen Pressformen

Preislich lag Vulkanit etwa auf dem Niveau von French Jet, also drei- bis fünfmal günstiger als Whitby Jet. Das Material war damit für die untere bürgerliche Mittelschicht erschwinglich - die Schicht, die durch die viktorianische Verbürgerlichung der Hoftrauer überhaupt erst zum Trauerschmuck griff.

Der amerikanische Markt

Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) erlebte der US-Trauerschmuck-Markt einen sprunghaften Anstieg - Hunderttausende Familien hatten Söhne, Väter und Brüder verloren, und die amerikanische Mittelschicht griff begierig nach einer eigenen Trauerschmuck-Tradition. Connecticut wurde zum Zentrum der amerikanischen Vulkanit-Produktion; die Goodyear's India Rubber Glove Company und die American Hard Rubber Company lieferten Schmuck, Knöpfe, Kämme und Haarspangen in industriellen Mengen.

Während Whitby Jet in den USA als Importgut teuer blieb, war Vulkanit hier oft das einzige verfügbare Trauer-Material. Diese amerikanische Massenproduktion erklärt, warum auf Auktionen heute regelmäßig große Bestände viktorianischer Trauerstücke aus US-Provenienz auftauchen.

Alterungsverhalten

Vulkanit ist das problematischste der historischen Trauermaterialien, was Konservierung angeht. Das Material verblasst - UV-Licht und Sauerstoff oxidieren die Schwefelvernetzung an der Oberfläche, wodurch die ursprüngliche Tiefschwarz-Farbe einer braun-grünlichen Patina weicht. Bei stark gealterten Stücken kann die Oberfläche feine Risse bekommen; das Material wird spröde.

Aus diesen Gründen sind viktorianische Vulkanit-Stücke heute optisch oft schwer einzuordnen - eine Brosche, die einmal Tiefschwarz war, sieht heute braun-olive aus. Wer ein geerbtes Stück identifizieren will, achtet auf:

  1. Verfärbung an Kanten und auf Lichtseiten
  2. Geruch beim Reiben (leichter Gummigeruch)
  3. Gewicht - Vulkanit ist leichter als Glas, etwas schwerer als Gagat
  4. Detailtiefe - gepresste Reliefs sind oft schärfer als bei Gagat-Schnitzereien

Der Niedergang

Mit dem Ende der formalen Hoftrauer um 1900 verschwand auch Vulkanit aus dem Schmuckmarkt. Anders als Onyx, das ins Art déco überlebte, fand das Material keine zweite Karriere - Kautschuk-Schmuck galt nach der Jahrhundertwende als hoffnungslos altmodisch, und die aufkommenden Kunststoffe (Bakelit, Celluloid) waren technisch überlegen. Die Birminghamer Manufakturen stellten auf andere Kautschuk-Produkte um, hauptsächlich für die aufkommende Automobil- und Elektroindustrie.

Im modernen Erinnerungsschmuck spielt Vulkanit keine Rolle. Wer historische Stücke sammelt, behandelt sie wie empfindliche Naturmaterialien: dunkel lagern, nicht polieren, keine alkoholhaltigen Reinigungsmittel verwenden.

Häufige Fragen

Fragen rund um diesen Eintrag

Woran erkennt man Vulkanit gegen Gagat?

Vulkanit verblasst - gut erhaltene Stücke zeigen heute oft eine braun-grünliche Tönung statt des ursprünglichen Tiefschwarz, besonders an Kanten und an Stellen, die Licht ausgesetzt waren. Echter Gagat behält seine Farbe. Außerdem riecht Vulkanit beim Reiben leicht nach Gummi; Gagat ist geruchsneutral.

Warum altert Vulkanit so deutlich?

Das Material reagiert mit UV-Licht und Sauerstoff. Die Schwefelvernetzung des Kautschuks oxidiert an der Oberfläche, was zu der charakteristischen braun-grünlichen Patina führt. Wer ein viktorianisches Vulkanit-Stück besitzt, sollte es dunkel und trocken aufbewahren - vollständige Restaurierung ist nicht möglich.

Wo wurde Vulkanit-Trauerschmuck produziert?

Hauptzentrum war Birmingham (England) mit mehreren großen Manufakturen, daneben Connecticut (USA). Die englische Produktion belieferte vor allem den heimischen Markt sowie Kontinentaleuropa; die amerikanische Produktion versorgte den US-Trauerschmuck-Markt, der nach dem Bürgerkrieg von 1861–1865 sprunghaft anstieg.

Quellen

Weiterführende Literatur

  • Mourning Dress: A Costume and Social History - Lou Taylor (2009)
  • Rubber: An American Industrial History - Charles Slack (2002)
  • Whitby Jet - Through the Eyes of a Miner - Helen Muller (2009)
Weiterlesen

Verwandte Einträge

Alle Lexikon-Inhalte werden redaktionell geprüft und freigegeben.