Personen & Kulturgeschichte

George IV (1762–1830)

George IV, Prinzregent ab 1811 und englischer König von 1820 bis 1830, prägte als ausgesprochener Liebhaber von Sentimentalschmuck die schmuckhistorische Übergangsphase zwischen georgianischer und viktorianischer Trauer-Tradition - besonders die Lovers'-Eye-Mode hängt direkt mit seinem persönlichen Auftrag von 1785 zusammen.

Verfasst von Dr. Helene Vasall

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George IV ist im englischen historischen Gedächtnis vor allem als luxusliebender, ausschweifender und politisch unfähiger König präsent. Sein historischer Ruf ist überwiegend negativ; Zeitgenossen wie Spätere haben seinen Charakter, seine Schulden, sein Ehe-Skandale und seine politische Unzuverlässigkeit ausgiebig kritisiert. Für die Trauerschmuck-Geschichte aber ist er eine zentrale Figur - als Auslöser der Lovers'-Eye-Mode, als persönlicher Liebhaber von Sentimentalschmuck und als Vater von Princess Charlotte, deren Tod 1817 die erste massive industrielle Trauerschmuck-Welle der englischen Geschichte auslöste.

Frühes Leben und Prinzentitel

George Augustus Frederick wurde am 12. August 1762 im St. James's Palace in London geboren - ältester Sohn König Georges III und Königin Charlottes. Er erhielt eine umfassende Ausbildung in klassischen Sprachen, Geschichte, Musik und Kunst, zeigte aber von früh an eine starke Neigung zu Luxus, Mode und sozialer Geselligkeit. Diese Charakterzüge sollten sein gesamtes Leben prägen.

Ab seiner Volljährigkeit 1783 wurde er zum Prinz von Wales (Thronfolger) und zum Mittelpunkt der englischen Aristokratie. Er war exzentrischer Modefachmann, leidenschaftlicher Sammler von Schmuck, Möbeln, Gemälden und Manuskripten, und ausgesprochener Mäzen der Künste. Sein Brighton Pavilion (1815–1822 erbaut) - ein chinesisch-indisch geprägter Sommerpalast - gilt als einer der exzentrischsten königlichen Bauten Europas.

Maria Fitzherbert und das Lovers'-Eye-Original (1785)

Im Jahr 1784 verliebte sich der junge Prinz George (damals 22 Jahre alt) in Maria Fitzherbert, eine wohlhabende katholische Witwe sechs Jahre älter als er. Eine offizielle Heirat war ausgeschlossen - das Act of Settlement (1701) und das Royal Marriages Act (1772) verboten dem englischen Thronfolger eine Heirat mit einer Katholikin ohne Zustimmung des Königs.

Trotzdem heirateten Maria Fitzherbert und George in einer geheimen Zeremonie am 15. Dezember 1785 in London. Die Heirat war rechtlich ungültig, aber beide betrachteten sie persönlich als gültig. Das Paar lebte in den folgenden Jahren in einer halb-öffentlichen Beziehung; die Wahrheit über die geheime Heirat war Hofkreisen und der politischen Elite bekannt, wurde aber offiziell nicht anerkannt.

Im Kontext dieser Beziehung entstand der Lovers'-Eye-Original-Ring (siehe Lovers' Eye). George ließ vom Miniaturmaler Richard Cosway (oder einem seiner Mitarbeiter) ein winziges Porträt von Maria Fitzherberts Auge anfertigen - vermutlich auf Elfenbein gemalt, etwa 1,5 cm im Durchmesser. Das Bild wurde in einen Goldring gefasst und sollte George erlauben, das Bildnis seiner Geliebten bei sich zu tragen, ohne ihre Identität für andere erkennbar zu machen.

Die geniale Logik dieses Stücks war: Ein einzelnes Auge ist schwer einer bestimmten Person zuzuordnen. Während ein Miniaturporträt mit Gesicht und Frisur eindeutig identifizierbar gewesen wäre, war ein isoliertes Auge mit umgebenden Wimpern, Augenbraue und einem kleinen Hauttonabschnitt für Dritte praktisch anonym. Nur der Träger selbst (und die porträtierte Person) wussten, wessen Auge dargestellt war.

Diese Idee setzte sich rasch durch. In den folgenden Jahren - und besonders nach 1800 - ließen Aristokraten, gehobenes Bürgertum und Hofkreise in ganz Europa Lovers'-Eye-Stücke fertigen. Das Genre erlebte seine Hochphase zwischen 1790 und 1830, also genau in der Lebenszeit Georges IV. Er gilt deshalb als persönlicher Auslöser einer Schmuck-Mode, die für über vierzig Jahre eine der wichtigsten Sentimentalschmuck-Formen Europas wurde.

Heirat mit Caroline of Brunswick (1795)

Wegen seiner anhaltend hohen Schulden zwang das englische Parlament Prinz George 1794 zu einer offiziellen Heirat - als Bedingung für die parlamentarische Übernahme seiner Schulden. Die ausgewählte Braut war seine Cousine Caroline of Brunswick, eine deutsche Prinzessin aus dem Hause Braunschweig-Wolfenbüttel.

Die Heirat (am 8. April 1795 im St. James's Palace) war eine vollkommene Katastrophe. George empfand bei der ersten Begegnung sofort starke Abneigung gegen Caroline; das Paar lebte schon wenige Monate nach der Hochzeit getrennt. Aus der Verbindung ging eine einzige Tochter hervor - Princess Charlotte, geboren am 7. Januar 1796.

George und Caroline blieben für den Rest ihres Lebens formal verheiratet, lebten aber praktisch komplett getrennt. Maria Fitzherbert blieb in dieser Zeit Georges eigentliche persönliche Partnerin - die unverheiratete, aber gesellschaftlich anerkannte Lebensgefährtin des Prinzregenten und späteren Königs. Erst um 1811 kam es zur endgültigen Trennung.

Princess Charlotte und ihr Tod (1817)

Princess Charlotte, einzige Tochter Georges IV und designierte Thronfolgerin, wuchs unter schwierigen Bedingungen auf - in einer von Konflikten zerrissenen Familie, mit getrennt lebenden Eltern und einem komplizierten Verhältnis zu beiden. Trotzdem entwickelte sie sich zu einer beliebten öffentlichen Figur; ihre Heirat mit Prinz Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld (späterer König der Belgier und Onkel der späteren Königin Victoria) am 2. Mai 1816 wurde als zentrales nationales Ereignis gefeiert.

Am 6. November 1817 starb Princess Charlotte mit 21 Jahren bei der Geburt eines tot geborenen Sohnes. Sie war zu dieser Zeit die einzige legitime Enkelin Georges III, die designierte Thronfolgerin nach ihrem Vater Prinz George, und die Hoffnungsträgerin der englischen Königswürde. Ihr früher Tod war ein außergewöhnlich schwerer Schlag für die englische Monarchie und löste eine landesweite Trauer-Welle aus, die in der englischen Geschichte ohne Parallele war.

Die Trauerschmuck-Welle nach Princess Charlottes Tod ist schmuckhistorisch zentral:

  • Massenproduktion von Trauer-Stücken. Tausende von Trauer-Anhängern, Medaillons und Ringen mit Charlotte-Bezug wurden in den ersten Wochen nach ihrem Tod gefertigt. Werkstätten in London, Birmingham und Sheffield produzierten in Hochauslastung.

  • Trauer-Ikonografie. Charlotte-Trauer-Stücke trugen meist eine Kombination aus Trauerweide, Urne und englischer Krone. Inschriften nahmen Bezug auf ihren Sterbedatum, ihre Initialen oder ihren Titel (P. C., In memory of H. R. H. Princess Charlotte).

  • Industrielle Bedeutung. Die Charlotte-Trauer-Welle ist das erste massive industrielle Trauerschmuck-Ereignis der englischen Geschichte. Die Pressblech-Verfahren, die später für viktorianischen Massenschmuck typisch wurden, kamen hier erstmals zum großflächigen Einsatz.

  • Kultureller Effekt. Die Charlotte-Trauer machte deutlich, dass Trauerschmuck nicht mehr nur eine aristokratisch-elitäre, sondern eine nationale Praxis sein konnte. Diese Verbreiterung war Voraussetzung für das spätere viktorianische Trauerschmuck-System.

Für den persönlich betroffenen George IV war Charlottes Tod ein Trauma. Er fiel in eine schwere Depression, vernachlässigte seine politischen Aufgaben für mehrere Wochen und ließ zahlreiche Trauer-Stücke mit Charlotte-Bezug für sich anfertigen. Mehrere dieser Stücke sind in der Royal Collection erhalten.

Regentschaft und Krönung (1811–1820, 1820–1830)

Als sein Vater George III ab 1810 wegen einer chronischen Geisteskrankheit (vermutlich Porphyrie) nicht mehr regieren konnte, übernahm Prinz George am 5. Februar 1811 die Regierung als Prinzregent. Die Phase zwischen 1811 und 1820 - die Regency-Epoche - ist stilgeschichtlich außerordentlich prägend für die englische Kultur. Architektur (John Nash), Literatur (Jane Austen, Lord Byron, Walter Scott), Mode (Empire silhouette) und Schmuck (Sentimentalschmuck, Lovers' Eye) erlebten eine Hochphase.

Nach dem Tod Georges III am 29. Januar 1820 wurde Prinz George als George IV zum englischen König gekrönt. Die Krönungszeremonie am 19. Juli 1821 in der Westminster Abbey war außerordentlich aufwendig und teuer - ein Charakter-typisches Beispiel seiner Luxus-Liebe. Mit etwa 240.000 Pfund Sterling kostete sie etwa zwanzigmal so viel wie die vergleichbare Krönung Wilhelms IV (1831) - und etwa hundertmal so viel wie die Krönung Königin Victorias (1838).

George IV regierte zehn Jahre, bis zu seinem Tod am 26. Juni 1830 in Schloss Windsor. Seine politische Leistung war eher beschränkt; er war kein aktiver Regierungs-Akteur und überließ die meisten politischen Entscheidungen seinen Premierministern (Lord Liverpool, George Canning, Lord Goderich, Duke of Wellington). Seine kulturelle Wirkung dagegen - als Kunstsammler, Mäzen, Bauherr und Geschmacks-Schöpfer - war beträchtlich.

Schmucksammler und Sentimentalschmuck-Patron

George IV war einer der größten privaten Schmucksammler seiner Zeit. Seine persönliche Sammlung umfasste mehrere tausend Stücke - von eigentlicher Krönungs-Insignien (große Diamantkronen, Zepter, Reichsapfel) bis zu winzigen Sentimentalstücken und Lovers'-Eye-Ringen. Die Royal Collection (Windsor Castle) katalogisiert über vierhundert Stücke aus seiner persönlichen Sammlung.

Besonders dokumentiert ist seine Liebe für Sentimentalschmuck im engeren Sinn. Er besaß:

  • Zahlreiche Lovers'-Eye-Stücke (das Original-Maria-Fitzherbert-Stück von 1785 und mehrere spätere Aufträge)
  • Trauer-Medaillons mit Erinnerung an seine Mutter (Königin Charlotte, gestorben 1818), seinen Vater (George III, gestorben 1820), seine Tochter (Princess Charlotte, gestorben 1817) und andere Familienmitglieder
  • Sepia-Haarmalerei-Anhänger in georgianischem Stil
  • Sentimentalringe mit Haar-Locken seiner verschiedenen Geliebten und Familienangehöriger
  • Posy-Ringe mit Inschriften (sowohl Liebes- als auch Trauer-Sentenzen)
  • Miniaturporträts auf Elfenbein, gefasst in goldenen Anhängern

Seine Sammlung war ein wesentliches Vorbild für die englische Aristokratie und das gehobene Bürgertum. Was der Prinzregent und spätere König trug, wurde nachgeahmt. Sein persönlicher Geschmack prägte deshalb die englische Sentimentalschmuck-Tradition der späten georgianischen und frühen Regency-Phase entscheidend mit.

Erbe und schmuckhistorische Bedeutung

George IV starb am 26. Juni 1830 in Windsor. Sein Nachfolger wurde sein Bruder Wilhelm IV, der die letzten sieben Jahre vor Königin Victorias Thronbesteigung (1837) regierte.

Im englischen historischen Gedächtnis bleibt George IV eine ambivalente Figur - bewundert für seinen Geschmack und kulturellen Einfluss, kritisiert für seinen Luxus, seine Schulden und sein politisches Versagen. Im Schmuckbereich aber ist seine Bedeutung außer Zweifel:

  • Er ist der persönliche Auslöser der Lovers'-Eye-Mode und damit einer der wichtigsten Sentimentalschmuck-Innovationen des 18./19. Jahrhunderts
  • Er ist die zentrale Patronage-Figur des englischen Regency-Sentimentalschmucks, mit prägendem Einfluss auf Aristokratie und Bürgertum
  • Er ist Vater der Princess-Charlotte-Trauer-Welle 1817, die als erstes industrielles Trauerschmuck-Ereignis Englands den Weg für das spätere viktorianische System bahnte
  • Er ist persönlicher Schmucksammler von herausragender Bedeutung, dessen Sammlung in der Royal Collection bis heute erhalten ist

Im modernen Erinnerungsschmuck ist George IV indirekt präsent - wenn eine Werkstatt heute einen Lovers'-Eye-Ring nach historischem Vorbild anfertigt, folgt sie ikonografisch dem 1785 von George in Auftrag gegebenen Original. Wenn ein Sammler einen georgianischen Sentimentalring erwirbt, kann es sich um ein Stück aus Georges weiterer Sammlung oder aus dem stilistisch von ihm geprägten Aristokratie-Kreis handeln. In diesem Sinn ist George IV nicht nur eine historische Figur, sondern eine fortlaufende ikonografische Referenz im europäischen Sentimentalschmuck-Bewusstsein.

Häufige Fragen

Fragen rund um diesen Eintrag

Was hat George IV mit dem Lovers'-Eye-Schmuck zu tun?

Er gilt als Auslöser der Lovers'-Eye-Mode. Im Jahr 1785 ließ er - damals 22 Jahre alt und im Zentrum eines Skandals um seine geheime Heirat mit der römisch-katholischen Witwe Maria Fitzherbert - von einem englischen Miniaturmaler ein winziges Porträt von Maria Fitzherberts Auge anfertigen. Das Bild wurde in einen Ring gefasst und sollte ihm erlauben, ihr Bildnis bei sich zu tragen, ohne ihre Identität preiszugeben (weil ein einzelnes Auge ohne weitere Gesichtszüge schwer einer bestimmten Person zuzuordnen ist). Diese geheime Geste löste eine anhaltende Mode aus - Lovers'-Eye-Schmuck wurde zwischen 1790 und 1830 in Aristokratie und gehobenem Bürgertum breit verbreitet (siehe Lovers' Eye).

Was war die Regency-Epoche?

Die Phase zwischen 1811 und 1820, in der George IV als Prinzregent regierte, während sein Vater George III wegen einer chronischen Geisteskrankheit nicht regieren konnte. Die Regency-Epoche ist stilgeschichtlich außerordentlich prägend - klassizistische Architektur, empfindsam-romantische Literatur (Jane Austen, Lord Byron), elegante Mode (Empire silhouette), und im Schmuckbereich eine Hochphase des Sentimentalschmucks mit Lovers' Eye, Sepia-Haarmalerei und Miniaturporträt.

Welche Schmuck-Stücke sind direkt mit George IV verbunden?

Mehrere. Der originale Lovers'-Eye-Ring von 1785 mit Maria Fitzherberts Auge ist heute in einer privaten Sammlung; Replika und nachfolgende Aufträge sind in Museen erhalten. George IV besaß zahlreiche Trauer- und Sentimentalstücke mit Erinnerung an seine Tochter Princess Charlotte (gestorben 1817), an seine Mutter Königin Charlotte (gestorben 1818) und an andere Familienmitglieder. Die Royal Collection katalogisiert über vierzig persönlich von George IV besessene Schmuckstücke.

Wie groß war Princess Charlottes Tod 1817 für die Trauerschmuck-Geschichte?

Sehr groß. Princess Charlotte - einzige Tochter Georges IV und designierte Thronfolgerin - starb am 6. November 1817 mit 21 Jahren bei der Geburt eines tot geborenen Sohnes. Die nationale Trauer in England war beispiellos; eine massive Trauerschmuck-Welle erfasste das Land. Tausende von Trauer-Anhängern, -Medaillons und -Ringen mit Charlotte-Bezug wurden gefertigt. Dies war das erste massive industrielle Trauerschmuck-Ereignis der englischen Geschichte und gilt als Vorläufer der späteren viktorianischen Trauerschmuck-Massenproduktion.

Quellen

Weiterführende Literatur

  • George IV - Prince Regent and King - Saul David (1998)
  • The Prince of Pleasure - George IV - Saul David (1998)
  • Sentimental Jewellery - Shire Library - Ann Louise Luthi (2007)
  • Lover's Eyes: Eye Miniatures from the Skier Collection - Elle Shushan (2012)
  • Royal Collection Trust - George IV
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