Schlange (Ouroboros)
Die sich in den Schwanz beißende Schlange - Ouroboros - ist eines der wenigen barocken Memento-mori-Symbole, das den Übergang ins viktorianische Zeitalter übersteht: ein Bild der Ewigkeit, das im 19. Jahrhundert von der Mahnung zur Hoffnungs-Geste umgedeutet wird.
Verfasst von Dr. Helene Vasall
Der Ouroboros - die sich in den Schwanz beißende Schlange - ist das langlebigste der Memento-mori-Symbole. Während der Totenkopf mit der Empfindsamkeit verschwindet und die Sanduhr nur in zarter Form überlebt, gelingt der Schlange ein vollständiger Bedeutungswandel: vom barocken Memento-mori-Element zum viktorianischen Liebes- und Trauer-Symbol. Diese Anpassungsfähigkeit hat ikonografische Gründe - und royale.
Herkunft
Der Ouroboros taucht in der westlichen Bildtradition zuerst in der spätantiken alexandrinischen Alchemie auf, mit ägyptischen Vorlagen. Im Papyrus Chrysopoeia der Kleopatra (3. Jahrhundert) erscheint die Schlange als Kreissymbol mit der Inschrift hen to pan - „eins ist alles“. Die alchemistische Bedeutung ist klar: Anfang und Ende sind miteinander verbunden, der Kreislauf der Materie ist geschlossen.
Über die spätantike Hermetik und die mittelalterlichen alchemistischen Traktate (Pseudo-Geber, Roger Bacon) erreicht das Motiv die frühneuzeitliche Bildwelt. In der Renaissance wird es christlich umgedeutet - als Symbol der Ewigkeit Gottes und der Auferstehung. In dieser Form gelangt es im 17. Jahrhundert in die Memento-mori-Ikonografie.
Im barocken Trauerschmuck
In der Memento-mori-Tradition des 17. und frühen 18. Jahrhunderts erscheint die Schlange in zwei Funktionen:
- Als Kreis-Rahmung anderer Symbole. Eine sich in den Schwanz beißende Schlange umrahmt einen Totenkopf, eine Sanduhr oder eine Inschrift - die Ewigkeit umfasst die Endlichkeit.
- Als alleinstehender Anhänger oder Ring. Eine Goldschlange windet sich um den Finger oder hängt als kleines Relief an einer Kette. Der Kopf beißt sich in den Schwanz; der Körper trägt manchmal eine Inschrift (Aeternitas, Eternity, Toujours).
Anders als der Totenkopf ist die Schlange im barocken Schmuck nicht dominant. Sie ist ein Begleitsymbol; das Hauptbild bleibt der Schädel oder die Sanduhr.
Die viktorianische Wende
1840 ändert sich das. Prinz Albert schenkt Königin Victoria einen Verlobungsring in Form einer Schlange mit Smaragd-Augen - ein Schlangenring nach Pariser Modell, der ab den 1830er Jahren in der englischen und französischen Aristokratie in Mode kommt. Die Schlange wird hier als Symbol der ewigen Liebe gelesen: ein Kreis, der nie endet.
Mit Victoria und Albert wird das Motiv im viktorianischen Schmuckwesen explosiv populär. Innerhalb weniger Jahre entstehen:
- Schlangenringe in zahllosen Variationen - schlichte Goldschlangen, edelsteinbesetzte Stücke, Mehrfach-Wicklungen
- Schlangenarmbänder als gewickelte Goldbänder, mit Kopf, der einen größeren Stein (oft Türkis, Rubin oder Granat) hält
- Halsketten mit Schlangen-Verschluss - der Kopf beißt sich in den Schwanz, die Schlange liegt um den Hals
- Trauer-Schlangen in schwarzem Email mit kleinen Diamantaugen - die Trauer-Variante, ab den 1850er Jahren
Die Trauer-Schlange übernimmt einen Teil der historischen Memento-mori-Bedeutung, aber sie tritt sanfter auf - die Idee der ewigen Bindung dominiert über die Mahnung an die Sterblichkeit. Im Trauerschmuck bedeutet die Schlange jetzt: „auch im Tod bleiben wir verbunden“.
Komposition
Die viktorianische Trauer-Schlange folgt einigen typischen Kompositionsmustern:
Geschlossener Ring. Die Schlange windet sich vollständig um den Finger; der Kopf beißt sich in den Schwanz. Smaragd- oder Türkis-Augen, gelegentlich ein kleiner Diamant im Kopf. Schwarzemail-Variante bei expliziten Trauerstücken.
Schlange mit Edelstein. Der Schlangenkopf hält einen größeren Stein - bei Trauerschmuck oft Onyx oder Granat, in der Halbtrauer auch Amethyst.
Doppelschlange. Zwei verschlungene Schlangen, die einander den Schwanz festhalten - selten, aber besonders kostbar.
Schlange mit Inschrift. Der Schlangenkörper trägt eine kleine Inschrift - meist Aeternitas, Toujours, Forever, gelegentlich Sterbedatum oder Initialen.
Spätviktorianische Phase
Ab den 1880er Jahren weicht die strenge Trauer-Schlange einer dekorativeren Variante. Die Schlange wird zum Mode-Symbol - Jugendstil, Art Nouveau, später Art déco arbeiten alle mit dem Motiv. Die Trauer-Konnotation tritt zurück; die ästhetische Form bleibt. Diese Verschiebung läuft parallel zur allgemeinen Lockerung der Hoftrauer-Ordnung um 1900.
In den Werkstätten Lalique, Mucha-Umkreis und später Cartier wird die Schlange zur Hauptform von Modeschmuck der Belle Époque - aber sie ist dann nicht mehr Trauerschmuck.
Heute
Im modernen Erinnerungsschmuck spielt die Schlange als Hauptmotiv keine Rolle. Im Mode-Schmuck ist sie über die Serpenti-Linie von Bulgari und ähnliche Kollektionen aktiv, allerdings meist ohne ikonografische Reflexion. In esoterischen und subkulturellen Kontexten (Tarot, Tattoo, alchemistisch interessierte Sammler) ist der Ouroboros lebendig - als Ewigkeits-Symbol, oft ohne Verbindung zur Trauer-Tradition.
Wer ein viktorianisches Schlangen-Schmuckstück erbt, sollte zwei Punkte prüfen: ob es ein Trauer-Stück ist (Schwarzemail, kleine Diamantaugen, gegebenenfalls Inschrift) oder ein Liebes-Stück (helle Goldfassung, farbige Steine). Beide Typen sind sammelt-würdig, aber kunsthistorisch unterschiedlich einzuordnen.
Identifikation
Hilfreich für die Datierung:
- Schlankes, fast lineares Schlangenrelief ohne plastische Wölbung → barock, 1650–1750
- Schlange mit deutlich modellierten Schuppen, kleine Augen aus Smaragd oder Türkis → frühviktorianisch, 1840–1870
- Plastisch ausgearbeitete Schlange mit aufwendiger Schuppen-Gravur, oft mit größerem Stein im Kopf → hochviktorianisch und Belle Époque, 1870–1910
- Stilisierte, fast geometrische Schlange mit Email-Akzenten → Jugendstil und Art déco, 1900–1935
Schwarzemail in der Schlangenfassung ist fast immer ein eindeutiger Trauer-Marker; helle Emaille oder reine Goldfassung deutet auf Liebes- oder Verlobungsschmuck.
Fragen rund um diesen Eintrag
- Ist der Ouroboros ein christliches Symbol?
Nicht ursprünglich. Er stammt aus der spätantiken Alchemie und Hermetik. Im europäischen Mittelalter wird er zunächst misstrauisch betrachtet (heidnisch), ab der Renaissance dann christlich umgedeutet - als Symbol der Ewigkeit Gottes und der Auferstehung. In dieser Form gelangt er in den Trauerschmuck der frühen Neuzeit.
- Welche Schmuckformen nutzen das Motiv?
Vor allem Schlangenringe und Schlangenarmbänder - die Schlange windet sich um den Finger oder das Handgelenk, der Kopf beißt sich in den Schwanz oder hält einen kleinen Edelstein. Außerdem Trauer-Halsketten mit Schlangen- Verschluss und Anhänger mit Ouroboros-Relief. Königin Victoria erhielt 1840 von Albert einen Schlangen- Verlobungsring, der ein wichtiges Trendsignal für die viktorianische Schmuck-Mode wurde.
- Warum hat das Motiv das viktorianische Zeitalter überlebt?
Anders als der drastische Totenkopf ließ sich die Schlange umdeuten - von der Memento-mori-Mahnung zur sentimentalen Ewigkeits-Geste. Im viktorianischen Trauerschmuck wird sie zur Hoffnungs- und Beständigkeits-Geste; die alte Mahnung an die Sterblichkeit tritt zurück, die Idee der ewigen Bindung tritt hervor.
- Ist das Symbol heute noch lebendig?
Im Erinnerungsschmuck als Hauptmotiv kaum noch, in Subkulturen (Esoterik, Tattoo) lebhaft. Im modernen Mode- Schmuck taucht die Schlange als ästhetische Form regelmäßig auf (etwa bei Bulgari mit der Serpenti-Linie), allerdings meist ohne den Ouroboros-Aspekt. Als reines Ewigkeits-Symbol ist sie noch lebendig - als Trauer-Symbol verblasst.
Weiterführende Literatur
- The Symbolism of Mourning Imagery in Western Art - Albert Boime (2008)
- Memento Mori: The Dead Among Us - Paul Koudounaris (2015)
- Death Becomes Her - A Century of Mourning Attire - Jessica Regan (2014)
- Christliche Ikonografie - Lexikon - Engelbert Kirschbaum (Hg.) (1972)
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