Epochen

Art Déco

Der Art Déco (1920–1939) ist die erste Schmuck-Epoche ohne ritualisierten Trauer-Kanon - geprägt von geometrischer Strenge, Maschinenästhetik und einer klaren Absage an die sentimentalische Trauer-Mode des 19. Jahrhunderts; Erinnerungs-Schmuck wird privat, dezent und gestalterisch in die allgemeine Schmuck- Linie integriert statt als eigene Sparte ausgewiesen.

Verfasst von Dr. Helene Vasall

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Der Art Déco ist die erste Schmuck-Epoche in der westeuropäischen Geschichte, die ohne eigene Trauer-Schmuck-Sparte auskommt. Mit dem Bruch des Ersten Weltkriegs (siehe Edwardianische Epoche (1901–1910/1914)) endet die ritualisierte Trauer-Tradition des 19. Jahrhunderts; an ihre Stelle tritt eine Epoche, in der Trauer privatisiert, individualisiert und gestalterisch in die allgemeine Schmuck-Linie integriert wird. Diese Verschiebung ist die wichtigste kulturhistorische Errungenschaft des Art Déco im Erinnerungs-Schmuck-Kontext - sie prägt die gesamte folgende Trauer-Schmuck-Geschichte bis zur heutigen Fingerabdruck- und Asche-Schmuck-Sparte.

Kulturhistorischer Kontext

Der Art Déco entsteht in einer Zeit massiver Veränderungen:

  • Erster Weltkrieg (1914–1918) und seine Folgen: Millionen Tote, gesellschaftliche Erschütterung, Verlust der bürgerlichen Selbstverständlichkeiten
  • Industrielle Hochmoderne - Automobile, Flugzeuge, Wolkenkratzer, Massenmedien, Hollywood
  • Frauen-Emanzipation - Wahlrecht (in vielen Ländern nach 1918), Berufstätigkeit, neue Mode-Linien (kurzer Rock, Hose, Bubikopf)
  • Jazz Age und Goldene Zwanziger - kulturelle Befreiung, neue Tanz- und Musikkultur, Cocktail-Bars, mondäne Lebensformen
  • Aufkommen der Sowjetunion und Faschismen - politische Polarisierung, Verlust der bürgerlichen Sicherheit
  • Weltwirtschaftskrise (1929) und politische Radikalisierung der 1930er Jahre

In diesem Umfeld wird das viktorianische Trauer-Ritual (siehe Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert) endgültig obsolet. Es wirkt nach dem industrialisierten Massensterben des Ersten Weltkriegs nicht nur veraltet, sondern geradezu unangemessen - wie kann man jemanden mit dem ritualisierten Pomp einer Witwen-Trauer betrauern, wenn ganze Generationen junger Männer in den Schützengräben Flanderns gestorben sind? Die Antwort der Art-Déco-Zeit: man trauert privater, dezenter, unsichtbarer.

Schmuck-Ästhetik

Der Art Déco entwickelt eine charakteristische Schmuck-Ästhetik mit klaren Prinzipien:

Geometrische Strenge. Statt der organisch-fließenden Linien des Jugendstils (siehe Jugendstil (Art Nouveau)) dominieren klare geometrische Formen: Rechtecke, Kreise, Dreiecke, Trapeze. Die Schmuckstücke wirken wie architektonische Miniaturen.

Symmetrie. Art-Déco-Schmuckstücke sind meist streng symmetrisch - sowohl achsen- als auch punktsymmetrisch. Diese Ordnung wird als Gegenbild zur Unordnung der Vor-Kriegs-Welt gelesen.

Kontrastfarben. Tiefschwarz (Onyx) gegen leuchtendes Weiß (Diamant, Platin, Perle) wird zur Signaturfarbkombination. Daneben werden klare Akzente in Rot (Koralle), Blau (Lapislazuli, Saphir), Grün (Smaragd, Jade) gesetzt.

Platin und Weißgold. Das Edwardianisch begonnene Aufkommen von Platin (siehe Edwardianische Epoche (1901–1910/1914)) findet im Art Déco seinen Höhepunkt. Platin ermöglicht filigranere, leichter wirkende Fassungen als Gold und passt zur geometrisch-modernen Ästhetik.

Diamanten. Der Diamant wird zum Schlüsselstein des Art Déco. Neue Schliffe (Baguette, Square, Trapez) entstehen, um die geometrische Ästhetik zu unterstützen.

Maschinenästhetik. Schmuckstücke nehmen Motive der industriellen Moderne auf - Zahnräder, Schienen, Wolkenkratzer-Silhouetten, abstrahierte Auto- und Flugzeug-Motive.

Materialien

Platin - das Leitmaterial der Epoche. Härter als Gold, weiß glänzend, perfekt für filigrane Fassungen.

Weißgold (siehe Gold im Trauerschmuck). Eine günstigere Alternative zu Platin; ab den 1920er Jahren systematisch entwickelt (Gold mit Palladium oder Nickel als Bleich-Metall).

Diamant - vor allem in den neuen geometrischen Schliffen (Baguette, Square, Asscher).

Onyx - schwarzer Onyx als Kontrastmaterial zum weißen Diamant; eine direkte Erbschaft aus dem viktorianischen Trauer-Schmuck.

Koralle, Lapislazuli, Türkis, Jade - Farb-Akzente in geometrischen Kontrasten.

Email auf Platin oder Weißgold. Schwarzes, weißes, rotes Email als geometrischer Akzent.

Perle (siehe Perle im Trauerschmuck). Vor allem in mehrreihigen Halsketten, weniger als Trauer-Symbol.

Erinnerungs-Schmuck-Spuren

Obwohl der Art Déco keine eigene Trauer-Schmuck-Sparte hat, finden sich Erinnerungs-Funktionen in mehreren typischen Stücken der Epoche:

Innengravierte Ringe. Klassische Eheringe und Familien-Erbringe tragen weiterhin Innengravur mit Initialen, Sterbedatum oder kurzem Motto. Die Außenseite wirkt rein dekorativ, die Innenseite trägt die Erinnerungs-Funktion (siehe Gravur und Inschriften).

Onyx-Diamant-Anhänger. Die geometrischen Onyx-Diamant-Anhänger der 1920er Jahre wurden teils explizit als Trauer-Schmuck gefertigt - eine moderne Form, die die viktorianische Schwarz-Symbolik aufnimmt, aber in geometrisch-moderner Linie umsetzt.

Foto-Medaillons. Rechteckige oder ovale Medaillons in reduzierter geometrischer Form, oft mit Klappverschluss und kleinem Foto im Inneren. Eine direkte Linie zum modernen Erinnerungs-Anhänger.

Memorial-Cigarette-Cases. Eine Art-Déco-Spezialität: Zigaretten-Etuis mit eingravierter Inschrift, oft als Erinnerungs-Geschenk an Witwer oder männliche Hinterbliebene. Innen oft mit einer kleinen Foto-Tasche.

Militärische Erinnerungs-Stücke. Für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs entstehen zahlreiche Erinnerungs-Anhänger in militärischer Symbolik: Tatzenkreuz-Anhänger (siehe Kreuz zur Tatzenkreuz-Variante), Anker-Anhänger (Marine), Adler-Anhänger (Luftwaffe), Regiments-Wappen-Anhänger. Diese Stücke sind oft sehr reduziert und tragen meist nur Initialen und Sterbedatum.

Doppelringe und Trauer-Ringe. Eheringe-Paare, bei denen ein Ring auf den verstorbenen Partner verweist - etwa durch eingravierte Initialen oder durch einen kleinen schwarzen Onyx-Cabochon im Sicherheitsabschnitt.

Regional-Schulen

Paris (1920–1939). Die wichtigste Schmuck-Schule. Cartier, Van Cleef & Arpels, Boucheron, Mauboussin, Lacloche Frères prägen den klassischen Art Déco. Trauer-Funktionen werden in dezent eingravierten Ringen und Anhängern realisiert.

New York (1920–1939). Tiffany & Co., Black, Starr & Frost, Marcus & Co. übersetzen den französischen Art Déco in eine etwas opulentere amerikanische Variante. Trauer-Stücke entstehen vor allem für die wohlhabende Ostküsten-Schicht.

Bauhaus / Deutschland (1919–1933). Eine reduktionistische Variante des Art Déco mit klarer geometrischer Linienführung. Naum Slutzky entwickelt eine eigene Bauhaus-Schmucklinie. Trauer-Stücke sind extrem reduziert und unauffällig.

Wiener Werkstätte (bis 1932). Eine späte Phase der Wiener Sezession (siehe Jugendstil (Art Nouveau)), die zunehmend geometrische Linien aufnimmt. Josef Hoffmann gestaltet auch in dieser späten Phase Erinnerungs-Anhänger.

London (1920–1939). Eine konservativere Art-Déco-Variante; viele Schmuckstücke kombinieren Art-Déco-Geometrie mit englisch-edwardianischen Elementen. Trauer-Funktionen werden in der englischen Tradition diskreter Innengravur realisiert.

Sozialer Wandel der Trauer

Drei Verschiebungen prägen die Trauer-Kultur der Art-Déco-Epoche:

Privatisierung. Trauer wird zur privaten Angelegenheit. Es gibt keinen gesellschaftlich vorgeschriebenen Trauer-Dresscode mehr; jede:r trauert in der Form, die ihr/ihm individuell angemessen erscheint.

Säkularisierung. Die religiös-christliche Trauer-Symbolik (Kreuz, Anker, Tugend-Triade) tritt in den Hintergrund. Erinnerungs-Stücke werden zunehmend ohne explizit religiöse Symbolik gefertigt - eine Verschiebung, die bis heute anhält und sich in modernen Erinnerungs-Symbolen wie dem Schmetterling (siehe Schmetterling) fortsetzt.

Reduzierung. Trauer-Stücke werden visuell reduziert - weniger Symbolik, weniger Inschriften, weniger explizite Trauer-Codes. Stattdessen wirkt der Schmuck wie normaler Alltagsschmuck, der nur für die Trägerin eine spezifische Erinnerungs-Funktion hat.

Übergang zur modernen Erinnerungs-Kultur

Der Art Déco markiert den entscheidenden Übergang von der historischen ritualisierten Trauer-Schmuck-Tradition zur modernen privaten Erinnerungs-Schmuck-Kultur. Mehrere Innovationen werden im Art Déco etabliert, die bis heute prägend sind:

  • Erinnerungs-Funktion in der Innengravur statt in der Außengestaltung
  • Dezent-elegante Form statt expliziter Trauer-Codes
  • Säkulare Symbolik statt expliziter religiöser Aufladung
  • Personalisierung durch Inschrift statt durch Trauer-spezifisches Material
  • Doppelfunktion: Schmuck als Alltagsstück und als privates Erinnerungs-Stück

Diese Verschiebungen prägen den modernen Erinnerungs-Schmuck - vom Aschen-Anhänger (siehe Aschenanhänger) über den Fingerabdruck-Anhänger (siehe Fingerabdruck-Anhänger) bis zum Erinnerungs-Diamanten (siehe Erinnerungsdiamant) - direkt. Der heutige Trauer-Markt operiert in einer Welt, die der Art Déco eröffnet hat.

Art-Déco-Schmuck heute

Im aktuellen Markt sind Art-Déco-Schmuckstücke eine bedeutende Sammler- und Investmentschmuck-Sparte. Im Erinnerungs-Schmuck-Kontext werden sie auf mehrere Weisen verwendet:

  • Antike Art-Déco-Stücke als Familien-Erbstücke mit eingravierten Sterbedaten - eine direkte Erinnerungs-Funktion
  • Onyx-Diamant-Anhänger als historisierende moderne Trauer-Schmuck-Form
  • Art-Déco-inspirierte moderne Erinnerungs-Anhänger mit geometrischer Form und integrierter Asche-Kapsel oder Fingerabdruck-Element
  • Cigarette-Cases als Erinnerungs-Geschenke in dezenter modernisierter Form

Für Trauernde, die einen Erinnerungs-Schmuck mit klarer, geometrisch-eleganter Linienführung suchen - und die sich von der explizit emotionalen Sentimentalität des Viktorianismus distanzieren möchten - bietet die Art-Déco-Ästhetik eine attraktive moderne Erinnerungs-Sprache. Sie verbindet Eleganz mit Reduktion und macht Erinnerung gleichzeitig privat und alltagstauglich.

Häufige Fragen

Fragen rund um diesen Eintrag

Gab es im Art Déco überhaupt Trauer-Schmuck?

Nicht als eigene Schmuck-Sparte. Der Erste Weltkrieg (1914–1918) mit seinen Millionen Toten brach die ritualisierte Trauer-Tradition des 19. Jahrhunderts (siehe Viktorianische Epoche (1837–1901), Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert). In der Zwischenkriegszeit entstand keine neue Trauer-Schmuck-Sparte; stattdessen wurden Erinnerungs- Stücke entweder als dezente persönliche Anhänger ohne explizite Trauer-Kennzeichnung gefertigt (eine Kette mit kleinem Foto-Medaillon, ein schlichter Innenring mit Sterbedatum) oder als Familienerbstücke aus der Vor-Kriegs-Zeit weitergetragen. Eine wichtige Ausnahme: militärische Erinnerungs-Stücke für gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs wurden in eigenen Formen gefertigt (Tatzenkreuz-Anhänger, Anker-Anhänger, Regiments-Wappen-Anhänger).

Welche Art-Déco-Schmuckstücke werden heute als Erinnerungs-Schmuck genutzt?

Mehrere typische Anwendungen. Schlichte Innenringe mit Sterbedatum-Gravur in geometrischer Schrift - eine zurückhaltende Variante des klassischen Trauerrings (siehe Trauerring (Memorialring)). Onyx-Anhänger in geometrischer Goldfassung - die Art-Déco-Variante des viktorianischen schwarzen Trauer-Schmucks. Foto- Medaillons mit reduzierter Außenform (rechteckig oder oval mit klaren Linien) - Vorläufer des modernen Erinnerungs-Anhängers. Cigarette Cases mit Inschrift - eine Art-Déco-Spezialität, die für Erinnerungs-Geschenke an Witwer und männliche Hinterbliebene gefertigt wurde.

Welche Trauer-Schmuck-Konvention prägt der Bruch des Art Déco?

Die wichtigste Verschiebung: Trauer wird unsichtbar. Während im 19. Jahrhundert eine Trauernde durch ihre schwarze Trauer-Toilette und ihren spezifischen Trauer-Schmuck eindeutig identifizierbar war (siehe Trauerkette, Trauerohrringe), trägt die Art-Déco-Trauernde modern-elegante Stücke, die kaum als Trauer-Schmuck zu erkennen sind. Diese Verschiebung prägt die gesamte folgende Trauer-Schmuck-Geschichte bis heute: moderne Erinnerungs-Anhänger (Fingerabdruck-Anhänger, Asche-Anhänger; siehe Fingerabdruck-Anhänger, Aschenanhänger) sind ebenfalls so gestaltet, dass sie wie normaler Alltagsschmuck wirken - die Trauer-Funktion ist nur für die Trägerin bekannt.

Quellen

Weiterführende Literatur

  • Art Deco Jewellery - Vivienne Becker (1987)
  • Mourning Dress - A Costume and Social History - Lou Taylor (1983)
  • Modernist Jewellery 1930–1960 - Marbeth Schon (2004)
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