Trauerohrringe
Trauerohrringe sind matt-schwarze oder gedeckte Ohrschmuckstücke, die im 19. Jahrhundert zum obligatorischen Bestandteil der weiblichen Trauer-Toilette gehörten und heute als dezente Erinnerungs-Variante mit einer winzigen Reliktfassung weiterleben.
Verfasst von Dr. Helene Vasall
Trauerohrringe gehörten zum dreiteiligen Schmuck-Ensemble der viktorianischen Witwen-Toilette - gemeinsam mit der Trauerkette und der Trauerbrosche. Die Hochphase der Form fiel auf die Jahrzehnte zwischen 1850 und 1900, als der gesellschaftliche Trauer-Dresscode (siehe Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert) den Frauen detaillierte Vorschriften zu Material, Farbe und Form ihres Schmucks machte. Heute sind Trauerohrringe als eigenständige Form weitgehend verschwunden, aber kleine, dezente Ohrstecker mit Erinnerungs-Funktion knüpfen an die Tradition an.
Anlässe
Im modernen Kontext werden Trauer- und Erinnerungs-Ohrringe für mehrere Anlässe beauftragt:
- Beerdigung und Trauerfeier - als dezenter, formaler Ohrschmuck im Schwarz-Ton (Onyx-Stecker, schwarze Spinell-Creolen)
- Erinnerungs-Set mit Anhänger und Ring - als drittes Element eines Ensembles
- Jahrestag und Geburtstag - als persönliches, regelmäßig getragenes Stück
- Erbstücke - Übernahme historischer Trauerohrringe aus dem Familienbesitz
- Persönliches Andenken mit Asche- oder Fingerabdruck-Detail in der Ohrring-Fassung
Personalisierung
Drei Personalisierungs-Pfade dominieren bei modernen Erinnerungs-Ohrringen:
Reliktfassung. Eine winzige Hohlfassung im Ohrring nimmt eine kleine Menge Asche, eine winzige Haarsträhne oder ein Fingerabdruck-Element auf. Die technische Herausforderung ist die Miniaturisierung - Ohrringe haben deutlich weniger Volumen als Anhänger oder Ringe.
Inschrift. Initialen oder Sterbedatum, eingraviert auf der Rückseite eines Steckers oder einer kleinen Plakette.
Symbol. Ein winziges Symbol - Kreuz, Anker, Trauerweide, Schmetterling, Herz - als Pendant am Ohrring. Bei modernen Stücken oft sehr reduziert und stilisiert.
Material
- Historisch: Jet (siehe Gagat (Jett)), Vulkanit (siehe Vulkanit (Ebonit)), Bog Oak (siehe Bog Oak (Mooreiche)), Onyx, Schwarz-Email auf Gold 750, jais français (Pariser schwarzes Glas), Pferdehaar in Goldfassung (siehe Haararbeit)
- Modern: Sterlingsilber, Gold 750/585, mattes Gold, Edelstahl, Titan (für allergische Ohrlöcher), Onyx, schwarzer Spinell, schwarze Süßwasserperle
- Fassungen: Ohrstecker, Hänger, Creolen, Ear Cuffs (selten)
Geschichte
Trauerohrringe als eigenständige Form entstehen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Vorgänger im 18. Jahrhundert (siehe Georgianische Epoche (1714–1837)) waren oft sentimentale Andenken-Ohrringe mit Miniaturporträt oder Haarlocke unter Glas - nicht explizit schwarz, sondern als persönliches Erinnerungs-Stück gestaltet.
Mit dem Aufstieg des bürgerlichen Trauer-Dresscodes (siehe Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert) und der parallelen Hochphase der Whitby-Jet-Industrie (siehe Whitby - Gagat-Werkstätten an der Yorkshire-Küste) etablieren sich Trauerohrringe als feste Schmuckform. In den 1860er und 1870er Jahren - der Hochphase der Trauerkultur unter dem Eindruck von Queen Victorias Witwenschaft (siehe Königin Victoria (1819–1901)) - werden Long-Drop-Earrings aus Jet zur Standardform.
In der Edwardianischen Epoche (siehe Edwardianische Epoche (1901–1910/1914)) verlieren Trauerohrringe an Bedeutung. Mit dem Ersten Weltkrieg verschwinden sie weitgehend aus dem öffentlichen Schmuckbild. Heute existieren sie nur noch als reduzierte Erinnerungs-Variante.
Trauerohrringe heute
Im modernen Kontext werden Trauerohrringe in drei Varianten gefertigt:
Reduziert-elegant. Schlichte Ohrstecker oder kleine Creolen aus Sterlingsilber oder Gold mit einem dezenten schwarzen Stein (Onyx, Spinell) - als formaler Beerdigungs-Schmuck oder dezent-erinnerndes Alltagsstück.
Personalisiert. Ohrringe mit kleiner Hohlfassung, in der eine Asche-, Haar- oder Fingerabdruck-Substanz versiegelt ist. Die technische Umsetzung erfordert mikrochirurgische Goldschmiedearbeit; nur wenige Werkstätten weltweit bieten diese Form an.
Historisierend. Bewusst viktorianisch wirkende Long Drops aus antikem Jet oder neu geschnitztem Onyx - für Sammler:innen oder als bewusste Geste der Verbundenheit mit der Trauer-Tradition des 19. Jahrhunderts.
Tragen und Pflege
Trauer- und Erinnerungs-Ohrringe werden heute frei getragen - täglich, an Jahrestagen, oder nur zu Beerdigungen und Trauerfeiern. Die Wahl der Tragart ist eine persönliche Entscheidung der Trägerin.
Die Pflege ist material-abhängig:
- Goldstecker mit Onyx-Stein: gelegentliche Reinigung mit Schmuck-Tuch, vor Lotion und Parfum ausziehen
- Antiker Jet oder Bog Oak: nur trocken aufbewahren, nicht in Wasser, kein Ultraschall
- Stücke mit Reliktfassung: trocken aufbewahren, Hohlfassung niemals öffnen, Verschluss bei Bedarf vom Werkstatt-Goldschmied prüfen lassen
Ohrringe mit eingearbeiteten Reliquien-Elementen (Asche, Haar, Fingerabdruck) sollten besonders sorgfältig behandelt werden - die Substanz im Inneren ist nicht ersetzbar, und ein Verlust durch unsachgemäße Handhabung wäre irreversibel.
Fragen rund um diesen Eintrag
- Welche Form hatten viktorianische Trauerohrringe?
Drei dominante Formen sind dokumentiert. Long Drops - lange, frei schwingende Ohrgehänge aus Jet, Vulkanit oder schwarz emailliertem Gold (5–8 cm Länge). Cluster Studs - kleine, fest am Ohr sitzende Stecker aus geschnitztem Jet, oft als Blüten- oder Trauben-Form. Pendant Hoops - schmale Creolen mit zentralem Trauer-Symbol (Kreuz, Anker, Trauerweide). Die Long-Drop-Variante dominierte in der Hochphase (1860–1880).
- Werden heute noch Trauerohrringe getragen?
Im viktorianischen Sinn - als schwarzes, sichtbares Trauer-Statement - kaum noch. Im Sinn dezenter Erinnerungs-Schmuck-Ohrringe - durchaus. Heute existieren kleine Ohrstecker aus Onyx oder Süßwasserperle, dezente Creolen mit einem winzigen Asche-Element oder Fingerabdruck-Detail (siehe Aschenanhänger, Fingerabdruck-Anhänger) und schlichte Goldstecker mit Initialen-Gravur.
- Welche Materialien eignen sich heute?
Für eine dezente Erinnerungs-Tragart eignen sich Onyx, schwarzer Spinell, Süßwasserperle, mattes Gold und Sterlingsilber. Bei Wunsch nach historischer Anmutung: antiker Jet aus Whitby (siehe Whitby - Gagat-Werkstätten an der Yorkshire-Küste) oder Bog Oak (siehe Bog Oak (Mooreiche)) - beide nicht mehr aktiv gefertigt, aber als Sammlerstücke verfügbar. Vulkanit (siehe Vulkanit (Ebonit)) ist als historisches Material bekannt, neigt aber zur Verfärbung und ist bei modernen Stücken eher nicht empfehlenswert.
Weiterführende Literatur
- Mourning Dress - A Costume and Social History - Lou Taylor (1983)
- Whitby Jet through the Years - Helen Muller (1985)
- Sentimental Jewellery - Shire Library - Ann Louise Luthi (2007)
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