Materialien

Pferdehaar (Crin de Cheval)

Pferdehaar - vor allem aus Mähnen und Schweifen geschlachteter Pferde - war im 18. und 19. Jahrhundert ein wichtiges Material für gewebte und geflochtene Trauer-Schmuck-Elemente, das von französischen *cheveliers* und schwedischen Werkstätten zur Imitation und Ergänzung der teureren Haararbeit verwendet wurde.

Verfasst von Dr. Helene Vasall

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Pferdehaar war im Trauer- und Sentimentalschmuck des 18. und 19. Jahrhunderts ein wichtiges Begleitmaterial zur Haararbeit (siehe Haararbeit). Anders als Menschenhaar - das den emotionalen Kern und die individuelle Erinnerungs-Substanz lieferte - diente Pferdehaar als technisches Hilfsmaterial: dicker, steifer, formstabiler, in größeren Mengen verfügbar. Die berühmten französischen cheveliers und die schwedischen tagel-Werkstätten (vor allem in Våmhus) verarbeiteten Pferde- und Menschenhaar oft in der gleichen Werkstatt, manchmal sogar im gleichen Schmuckstück. Heute ist Pferdehaar als Schmuckmaterial eine kleine Nische - getragen von einer Handvoll spezialisierter europäischer Werkstätten und gelegentlich im Reiter-Erinnerungs-Schmuck verwendet.

Material und Verarbeitung

Pferdehaar stammt aus Mähnen, Schweifen und Stirnschopf von Pferden. Wichtige Unterschiede zu Menschenhaar:

  • Dicke: 150–300 µm gegenüber 50–100 µm bei Menschenhaar
  • Härte und Steifigkeit: deutlich steifer und weniger geschmeidig; ideal für formstabile Webungen
  • Farben: Schwarz, dunkelbraun, kastanie, blond, weiß; durch Mischung verschiedener Spendepferde sind alle Übergänge erreichbar
  • Länge: Schweifhaar bis 100 cm, Mähnenhaar 30–60 cm; längere Stücke ermöglichen komplexere Webungen ohne sichtbare Verbindungsknoten
  • Verarbeitbarkeit: gut zu flechten, weben und knüpfen; weniger gut zu kämmen oder strähnig zu legen

Vor der Verarbeitung wird das Pferdehaar gewaschen, oft gekocht (um Fette und Eiweiße zu entfernen) und sortiert. In einer typischen Werkstatt des 19. Jahrhunderts standen Hunderte Bündel sortiertes Pferdehaar in unterschiedlichen Farben und Längen zur Verfügung.

Geschichte

Antike bis Mittelalter. Pferdehaar wurde lange als reines Gebrauchsmaterial genutzt - für Bogensehnen, Polsterstopfung, Pinselborsten. Eine schmückende Verwendung ist erst sporadisch dokumentiert.

17. und 18. Jahrhundert. In Schweden - vor allem in der Region Dalarna, im Dorf Våmhus - entsteht aus der bäuerlichen Notwendigkeit eine eigene Pferdehaar-Flecht-Tradition. Frauen flechten in den Wintermonaten Pferdehaar zu kleinen Gebrauchsgegenständen, später auch zu Schmuck. Die tagel-Tradition wird zum saisonalen Einkommens-Faktor; im 18. Jahrhundert ziehen Frauen aus Våmhus mit ihren geflochtenen Pferdehaar-Armbändern, -Halsketten und -Ringen über die schwedischen und norwegischen Märkte.

Parallel etabliert sich in Frankreich die Profession der cheveliers (Haar-Künstler). Diese Werkstätten arbeiten mit Menschenhaar als Hauptmaterial, nutzen aber Pferdehaar als technisches Hilfsmaterial - als Webkern, als Verstärkung und als Schienenführung beim Flechten.

Hochphase (1780–1880). Mit der Verbreitung des Sentimentalschmucks (siehe Sentimentalschmuck) und später des viktorianischen Trauerschmucks (siehe Viktorianische Epoche (1837–1901)) steigt die Nachfrage nach Haararbeit dramatisch an. Die schwedischen Tagel-Frauen und die französischen cheveliers produzieren in massiven Stückzahlen - Armbänder, Halsketten, Trauerringe mit geflochtenem Haar in der Schiene. In dieser Zeit wird die Unterscheidung zwischen Pferde- und Menschenhaar oft bewusst verwischt: Werbung sprach von „Haararbeit“, ohne präzise zu spezifizieren, und Kund:innen erwarteten meist eine Mischung beider Materialien.

Niedergang (ab 1880). Mit dem Aufkommen der Fotografie als günstigere Erinnerungs-Substanz und dem allgemeinen Niedergang der ritualisierten Trauer-Mode nach 1900 verlieren beide Haararbeits-Sparten an Bedeutung. Die schwedischen Tagel-Werkstätten halten bis in die 1950er Jahre durch, die französischen cheveliers verschwinden bis in die 1930er Jahre weitgehend.

Techniken

Pferdehaar wird mit denselben Techniken wie Menschenhaar verarbeitet:

Flechten. Drei-, vier- oder mehrsträngiges Flechten zu Bändern und Schnüren. Die Flechtmuster reichen von einfachen Zopfflechten bis zu hochkomplexen, vielfädigen Mustern mit erkennbarer Ornamentik.

Weben (Tischweberei). Auf einem kleinen Tisch-Webrahmen werden Pferdehaare zu flachen Bändern verwebt. Diese Bänder sind die Basis für Armbänder, Trauerketten und Trauerringe.

Knüpfen. Komplexe Knotungen erzeugen dreidimensionale Strukturen - kleine Blumen, Trauben, Kugelformen. Bei hochwertigen Trauerschmuck-Stücken oft als zentrales Mittelmotiv eines geflochtenen Armbands.

Hohlflechten. Pferdehaar wird um einen Holzkern geflochten und nach Fertigstellung wird der Kern entfernt - es entsteht ein hohler Pferdehaar-Schlauch, der mit Gold-Endkappen verschlossen wird. Dies ist die Standard-Bauweise für Trauer-Armreife mit Pferdehaar.

Sticken. Auf Stoff oder Papier wird Pferdehaar als feiner Stickfaden verwendet - für florale Motive, Inschriften, oder als Untergrund-Bemalung in Anhänger-Miniaturen.

Schmuck-Anwendungen

Trauer-Armbänder. Die häufigste Anwendung. Ein geflochtener oder gewebter Pferdehaar-Schlauch mit Gold-Endkappen und einem Mittelmedaillon (oft mit Glas-Sichtfenster über einer Menschenhaarsträhne der verstorbenen Person) bildet das klassische Trauer-Armband (siehe Trauerarmband).

Trauer-Ketten. Lange, schmale Pferdehaar-Geflechte mit kleinem Anhänger werden als Trauerketten (siehe Trauerkette) getragen - eine günstige Alternative zur teureren Gliederkette aus Gold oder Jet.

Trauer-Ringe. Die Ringschiene aus geflochtenem Pferdehaar wird in eine Gold- oder Silberfassung eingeklemmt; das Ringoberteil trägt oft eine Hohlfassung mit Menschenhaar der verstorbenen Person. Diese Mischbauweise ist eine Spezialität der schwedischen Tagel-Werkstätten.

Brosche und Anhänger. Pferdehaar als Hintergrund-Material in Anhängern und Broschen - etwa als gewebter dunkler Grund hinter einer Miniaturmalerei oder hinter einer kleinen Menschenhaar-Locke unter Bergkristall.

Pferdehaar heute

Im aktuellen Erinnerungs-Schmuck-Markt spielt Pferdehaar drei spezifische Rollen:

Schwedische Tagel-Tradition. Eine Handvoll Werkstätten in Våmhus und Dalarna fertigt weiterhin nach historischen Mustern. Die Stücke sind handwerklich anspruchsvoll, die Fertigung dauert mehrere Wochen, der Preis liegt im mittleren bis hohen vierstelligen Bereich.

Reiterspezifische Erinnerungs-Stücke. Wenn ein geliebtes Pferd verstirbt, lässt sich aus seinem Schweif- oder Mähnenhaar ein Erinnerungs-Schmuckstück fertigen - typischerweise ein Armband, ein Halsband-Anhänger oder ein dünnes geflochtenes Schweif-Geflecht in einer Gold- oder Silberfassung. Diese Sparte wächst seit den 2000er Jahren langsam, getragen von der wachsenden Anerkennung von Tieren als Familienmitglieder.

Restaurations-Kontext. Antike Trauer-Schmuck-Stücke mit Pferdehaar-Anteilen benötigen gelegentlich Reparatur - eine gerissene Pferdehaar-Schiene, eine gebrochene Endkappe, ein gelockertes Mittelmedaillon. Spezialisierte Restaurations-Werkstätten in Schweden, Frankreich und Großbritannien arbeiten an diesen Stücken.

Pflege

Pferdehaar-Schmuck ist langlebig, aber empfindlich gegen Wasser:

  • Wasserkontakt vermeiden - Pferdehaar quillt bei Nässe und kann sich verziehen
  • Trocken aufbewahren in einem Etui mit Stoffauskleidung; nicht zusammen mit härteren Schmuckstücken (Kratzgefahr)
  • Nicht kämmen oder bürsten - die Geflechte sind unter Spannung gearbeitet und können bei mechanischer Belastung reißen
  • Keine Lotion, kein Parfum, kein Haarspray in Kontakt bringen
  • Reinigung nur mit weichem trockenem Tuch; bei stärkerer Verschmutzung Werkstatt konsultieren

Bei antiken Stücken (über 100 Jahre alt) ist besondere Vorsicht geboten - das Pferdehaar wird im Lauf der Jahrzehnte spröde und reißt leichter. Solche Stücke sollten nur zu seltenen, besonderen Anlässen getragen werden; für den Alltag empfehlen sich entweder moderne Nachfertigungen oder andere Trauer-Schmuckformen.

Häufige Fragen

Fragen rund um diesen Eintrag

Warum wurde Pferdehaar im Trauerschmuck verwendet?

Drei Gründe. Materialdichte: Pferdehaar ist deutlich dicker und steifer als Menschenhaar - geflochtene und gewebte Arbeiten mit Pferdehaar sind formstabiler und haltbarer. Bei großvolumigen Schmuckstücken (lange Halsketten, Armbänder mit Mittelmedaillon) war Pferdehaar daher technisch besser geeignet. Materialverfügbarkeit: Pferdehaar war günstig und jederzeit verfügbar; Menschenhaar musste gesammelt werden - entweder direkt aus der Familie oder am Markt gekauft. Material-Mischung: in vielen Schmuckstücken wurde eine Mischung aus Pferde- und Menschenhaar verarbeitet - eine dünne Schicht Menschenhaar der verstorbenen Person sichtbar außen, eine stabilisierende Schicht Pferdehaar im Kern.

Wie unterscheidet man Pferdehaar von Menschenhaar?

Mit bloßem Auge oft schwer; unter dem Mikroskop eindeutig. Pferdehaar ist deutlich dicker (150–300 µm) als Menschenhaar (50–100 µm), hat eine schuppigere Oberfläche und kein durchgängiges Mark (Medulla). Menschenhaar ist feiner, weicher und hat ein lockeres oder unterbrochenes Mark. Bei antiken Trauer-Schmuck-Stücken aus Haararbeit lohnt sich im Zweifelsfall eine mikroskopische Begutachtung - auch um den Erhaltungszustand zu beurteilen.

Werden heute noch Pferdehaar-Schmuckstücke gefertigt?

Ja, in einer kleinen Nische. In Schweden (Våmhus, Dalarna) wird die Tagel-Tradition als regional bewahrtes Kunsthandwerk fortgeführt; einzelne Werkstätten flechten Pferdehaar-Armbänder, -Halsketten und -Ringe nach historischen Mustern. In Frankreich gibt es vereinzelt cheveliers, die mit Pferdehaar arbeiten. In Deutschland und Österreich ist die Tradition weitgehend erloschen, lebt aber als Restaurations-Handwerk für historische Stücke fort. Im Erinnerungs-Schmuck-Markt wird Pferdehaar gelegentlich für reiterspezifische Erinnerungsstücke verwendet - eine Locke aus dem Schweif eines verstorbenen Pferdes als Material für ein Erinnerungs- Armband.

Quellen

Weiterführende Literatur

  • The Power of Hair as Sentimental Jewelry - Helen Sheumaker (2007)
  • Hair Work - A Forgotten Craft - Anna Sparrman (2011)
  • Sentimental Jewellery - Shire Library - Ann Louise Luthi (2007)
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