Trauerarmband
Das Trauerarmband ist ein am Handgelenk getragenes Erinnerungs-Schmuckstück, das im 19. Jahrhundert als geflochtene Haararbeit oder als Jet-Glieder-Armband populär wurde und heute als Lederarmband mit Reliktfassung oder als feines Goldarmband mit Erinnerungs-Element weiterlebt.
Verfasst von Dr. Helene Vasall
Das Trauerarmband ist neben dem Trauerring (Memorialring) und dem Trauermedaillon eine der drei wichtigsten Erinnerungs-Schmuckformen des 19. Jahrhunderts. Es vereint zwei sehr unterschiedliche Bautypen: das geflochtene Haar-Armband (eine bürgerlich-sentimentale Tradition) und das Jet-Glieder-Armband (eine viktorianisch-formelle Schmuckform). Beide leben heute in reduzierten, modernen Varianten weiter - als Lederarmband mit Reliktfassung, als Goldarmband mit Fingerabdruck-Element oder als Bead-Armband mit Erinnerungs-Perle.
Anlässe
Trauer- und Erinnerungs-Armbänder werden für unterschiedliche Anlässe gewählt:
- Beerdigung und Trauerfeier - als dezentes, formales Stück mit dunklem Material (Onyx, schwarzes Leder)
- Erstes Tragen nach dem Verlust - als persönliches, alltagstaugliches Erinnerungs-Stück
- Geburtstag und Jahrestag der verstorbenen Person - als bewusste Tragart
- Familien-Set - gleiche oder ähnliche Armbänder für mehrere Familienmitglieder, gefertigt aus einer gemeinsamen Erinnerungs-Substanz (eine Haarflechte aufgeteilt, eine kleinere Asche-Menge auf mehrere Armbänder verteilt)
- Erbstücke - Übernahme historischer Haar-Armbänder oder Jet-Armbänder aus dem Familienbesitz
Personalisierung
Vier Personalisierungs-Pfade dominieren bei modernen Trauerarmbändern:
Haararbeit. Die historisch bedeutsamste Form. Eine Locke wird zu einem Flecht- oder Strickmuster verarbeitet und in eine Goldfassung eingelegt. Wenige spezialisierte Werkstätten in England, Frankreich und Skandinavien bieten diese Technik heute noch an (siehe Haararbeit).
Asche-Element. Eine Prise Asche wird in eine kleine Gold- oder Silberkapsel eingearbeitet, die wiederum am Armband befestigt wird. Die Kapsel ist meist dicht verschlossen (Lasergewindeverschluss) oder unter einem Cabochon eingegossen.
Fingerabdruck-Element. Der Fingerabdruck der verstorbenen Person wird auf eine kleine Goldplakette übertragen - entweder graviert, geprägt oder als 3D-Relief. Die Plakette wird wie ein Charm am Armband befestigt (siehe Fingerabdruck-Anhänger).
Gravur-Inschrift. Die Innenseite einer Goldplakette oder der Innenseite eines Armreifs trägt eine Inschrift - Namen, Sterbedatum, ein kurzes Motto oder ein Bibelvers (siehe Gravur und Inschriften).
Material
Die Materialwahl spiegelt die historische Bauweise:
- Historisch (19. Jh.): geflochtenes Haar mit Gold-Endkappen, Jet (siehe Gagat (Jett)) als Glieder-Armband, Vulkanit (siehe Vulkanit (Ebonit)), Bog Oak (siehe Bog Oak (Mooreiche)), Onyx, Schwarz-Email auf Gold
- Modern: Sterlingsilber, Gold 750/585, Edelstahl, Leder (schwarz, braun, anthrazit), Süßwasserperle, Onyx-Perlen, geflochtene Textil-Bänder
- Verschluss: Karabiner, Kastenschloss mit Sicherheitsbügel, T-Stab-Verschluss, Magnetverschluss (bei Lederarmbändern)
Geschichte
Das Haar-Armband entsteht im späten 18. Jahrhundert (siehe Georgianische Epoche (1714–1837)) als sentimentaler Andenken-Schmuck - anfangs als Freundschafts-Geste, später zunehmend als Trauer-Geste. Die Technik der cheveliers (französische Haar-Künstler) erreicht in den 1830er und 1840er Jahren ihren technischen Höhepunkt; zwischen 1850 und 1880 wird das Haar-Armband zur internationalen Standardform des bürgerlichen Erinnerungs-Schmucks (siehe Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert).
Parallel entsteht ab den 1860er Jahren das Jet-Armband - getrieben durch die Hochphase der Whitby-Jet-Industrie (siehe Whitby - Gagat-Werkstätten an der Yorkshire-Küste). Es handelt sich um eine andere Schmuck-Tradition: kein persönlich-sentimentales Stück, sondern ein gesellschaftlich vorgeschriebenes formelles Trauer-Accessoire.
Mit dem Ersten Weltkrieg und der Edwardianischen Epoche (siehe Edwardianische Epoche (1901–1910/1914)) verschwinden beide Formen weitgehend aus dem öffentlichen Schmuckbild. Heute existieren sie in reduzierten modernen Varianten - und das Haar-Armband erlebt im Kontext der modernen Erinnerungs-Schmuck-Bewegung ein leises Comeback.
Trauerarmband heute
Drei dominante Varianten prägen den modernen Markt:
Lederarmband mit Kapsel. Schwarzes oder braunes Lederband, dezent, mit einer kleinen Edelstahl- oder Silberkapsel als Mittelelement. Die Kapsel nimmt eine kleine Menge Asche, Haar oder ein Fingerabdruck-Plättchen auf. Preise: 80–300 €.
Goldarmband mit Charm. Feines Goldarmband (Anker- oder Erbsenkette) mit einem oder mehreren Charms - Asche-Kapsel, Fingerabdruck-Anhänger, Initialen-Plakette, Geburtsstein der verstorbenen Person. Preise: 400–2.500 €.
Haar-Armband nach historischem Vorbild. Eine Handvoll Werkstätten (vor allem in Schweden, England und Frankreich) fertigen weiterhin geflochtene Haar-Armbänder mit Goldfassung. Die Fertigung dauert mehrere Wochen, der Preis liegt im vierstelligen Bereich.
Pflege und Tragen
Pflegehinweise nach Material:
- Lederarmband: vor Wasser schützen, nicht baden oder duschen mit Armband, gelegentlich mit Lederpflege behandeln
- Goldarmband: gelegentliche Reinigung mit Schmuck-Tuch, vor Sport ausziehen
- Haar-Armband: trocken aufbewahren, nicht ins Wasser, vor Sonneneinstrahlung schützen, alle 5–10 Jahre vom Goldschmied prüfen lassen
- Jet-Armband: nur trocken, keine Lotion, kein Parfum, kein Ultraschall
Das Tragen ist frei wählbar. Anders als im 19. Jahrhundert gibt es keinen gesellschaftlichen Dresscode (siehe Trauerrituale im deutschsprachigen Raum). Manche Trägerinnen tragen das Armband ständig - als bewussten Begleiter im Alltag -, andere nur zu Anlässen, die mit der verstorbenen Person verknüpft sind.
Fragen rund um diesen Eintrag
- Was ist ein Haar-Armband (hair bracelet)?
Ein Haar-Armband ist ein Armreif, dessen Mittelteil aus geflochtenen oder gestrickten Haaren der verstorbenen Person besteht. Die Haararbeit wird mit goldenen Endkappen, einem Mittelmedaillon oder einem Trauer-Schloss eingefasst. Die Technik wurde im 18. Jahrhundert von französischen cheveliers perfektioniert und erlebte zwischen 1840 und 1880 ihre internationale Hochphase (siehe Haararbeit). Heute werden Haar-Armbänder noch von einer Handvoll spezialisierter Werkstätten weltweit gefertigt.
- Welche modernen Trauerarmband-Varianten gibt es?
Drei Haupt-Varianten dominieren den modernen Markt. Lederarmband mit Reliktfassung - ein dezent gehaltenes Lederarmband mit einer winzigen Gold- oder Silberkapsel, in der Asche oder eine Haarsträhne eingearbeitet ist (siehe Aschenanhänger). Goldarmband mit Fingerabdruck-Element - eine Plakette oder ein Anhänger mit dem Fingerabdruck der verstorbenen Person, an einer feinen Kette getragen (siehe Fingerabdruck-Anhänger). Bead-Armband mit einer Erinnerungs-Perle - eine einzelne Perle mit eingearbeiteter Asche-Substanz, kombiniert mit weiteren Perlen aus Onyx, Süßwasser oder Edelstein.
- Welche Größen sind üblich?
Übliche Handgelenk-Maße liegen zwischen 16 und 21 cm. Bei festen Armreifen (bangle bracelets) muss die Innenweite das Handgelenk-Maß um ca. 1 cm überschreiten, damit das Stück über die Hand passt. Geflochtene Haar-Armbänder und Lederarmbänder haben oft einen verstellbaren Verschluss; Gliederarmbänder werden auf das exakte Maß angepasst.
Weiterführende Literatur
- The Power of Hair as Sentimental Jewelry - Helen Sheumaker (2007)
- Mourning Dress - A Costume and Social History - Lou Taylor (1983)
- Sentimental Jewellery - Shire Library - Ann Louise Luthi (2007)
Verwandte Einträge
- GrundbegriffeTrauerschmuck
Trauerschmuck ist Körperschmuck, der einen Todesfall anzeigt, das Andenken an eine verstorbene Person bindet oder beides zugleich tut - seit dem 17. Jahrhundert ein eigener Schmucktypus mit eigener Materialsprache.
- GrundbegriffeErinnerungsschmuck
Erinnerungsschmuck ist Schmuck, der bewusst an eine bestimmte Person bindet - durch Inschrift, Foto, Haar, Asche oder, heute prägend, einen digital erfassten Fingerabdruck.
- Techniken & HandwerkHaararbeit
Haararbeit ist die Sammelbezeichnung für alle Techniken, in denen Menschenhaar zum Trägermaterial des Schmuckstücks wird - von der einzelnen Locke unter Bergkristall bis zur fein geflochtenen Haar-Webung im viktorianischen Schauarbeitsstil.
- MaterialienWhitby Jet
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- MaterialienVulkanit (Ebonit)
Vulkanit ist gehärteter, schwarz eingefärbter Naturkautschuk - eine industrielle Erfindung der 1840er Jahre, die im viktorianischen Trauerschmuck als günstige Gagat-Alternative weite Verbreitung fand.
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Ein Trauerring - auch Memorialring oder Mourning Ring genannt - ist ein Fingerring, der das Andenken an eine verstorbene Person trägt, meist in Form einer Inschrift, eines Bildes, einer Haarlocke oder eines Fingerabdrucks.
- SchmuckformenTrauerkette
Die Trauerkette ist eine am Hals getragene Schmuckkette aus schwarzem oder gedecktem Material, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Standard-Tagestracht der Trauerphase wurde und heute als reduzierte Erinnerungs-Variante mit Anhänger weiterlebt.
- SchmuckformenAschenanhänger
Der Aschenanhänger ist ein moderner Erinnerungs-Anhänger mit einer dicht versiegelten Hohlfassung, die eine kleine Menge der Asche einer verstorbenen Person aufnimmt - die heute am stärksten wachsende Schmuckform im modernen Trauer- und Erinnerungsmarkt.
- SchmuckformenFingerabdruck-Anhänger
Ein Fingerabdruck-Anhänger trägt die in Gold, Silber oder Platin gefräste oder lasergravierte Linienzeichnung eines Fingerabdrucks - die heute prägende Form des modernen Erinnerungsschmucks und das technische Nachfolge-Format der viktorianischen Trauermedaillons.
- EpochenViktorianische Epoche (1837–1901)
Die viktorianische Epoche ist die Hochzeit des Trauerschmucks - eine über sechzig Jahre andauernde Periode, in der Hoftrauer-Codes, industrielle Massenfertigung, neue Materialien (Gagat, Vulkanit, Berliner Eisen) und Königin Victorias persönliche Witwentrauer zusammen ein in der europäischen Geschichte beispielloses System öffentlicher und privater Trauer-Sichtbarkeit erzeugten.
- Personen & KulturgeschichteWhitby - Gagat-Werkstätten an der Yorkshire-Küste
Whitby ist die kleine Hafenstadt an der nordenglischen Yorkshire-Küste, deren Gagat-Vorkommen und Werkstätten im 19. Jahrhundert das viktorianische Trauerschmuck-System mit seiner wichtigsten Materialgrundlage versorgten - in der Hochphase um 1870 arbeiteten dort über 1.500 Schleifer und Schnitzer für den weltweiten Trauer-Markt.