Granat (Trauer-Granat)
Der Granat - vor allem der dunkelrote Pyrop aus Böhmen - war im 19. Jahrhundert das wichtigste rote Edelstein- Material des Trauer- und Halbtrauerschmucks, vor allem im mitteleuropäischen Raum, mit dem böhmischen Granatschmuck als eigener Schmucktradition mit Hochpunkt in der zweiten Jahrhunderthälfte.
Verfasst von Dr. Helene Vasall
Granat ist die wichtigste rote Edelstein-Substanz des Halbtrauer-Schmucks. Während Schwarz im Trauer-Dresscode des 19. Jahrhunderts (siehe Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert) für die Volltrauer reserviert war, durften für die anschließenden Trauer-Phasen - Halbtrauer und Letzte Trauer - gedeckte Farben getragen werden. Der dunkelrote Pyrop-Granat, vor allem in der spezifisch böhmischen Pavé-Tradition, wurde zum Standardmaterial dieser Phase und etablierte sich in Mitteleuropa als eigene Trauer-Schmuck-Sparte.
Material und Mineralogie
Granat ist kein einzelnes Mineral, sondern eine Mineralgruppe mit gemeinsamer Kristallstruktur und variabler chemischer Zusammensetzung. Die für den Trauer-Kontext relevanten Varianten:
- Pyrop (Mg₃Al₂(SiO₄)₃) - dunkelrot bis schwarzrot, Härte 7–7,5; Hauptvorkommen Böhmen
- Almandin (Fe₃Al₂(SiO₄)₃) - violettrot, etwas dunkler als Pyrop, weltweit verbreitet
- Rhodolith - Pyrop-Almandin-Mischung, rosa-violett
- Spessartin (Mn₃Al₂(SiO₄)₃) - orange-rot, selten
Die Härte von 7–7,5 macht Granat alltagstauglich (kratzfest, splittert nicht leicht). Der typische Lichtbrechungsindex (1,73–1,89) führt zu einem hohen Brillanz-Potenzial bei facettiertem Schliff.
Geschichte
Granat ist seit der Antike bekannt. Ägyptische Granat-Funde sind aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. dokumentiert. Im römischen Kaiserreich war Granat ein populärer Siegelstein und wurde in anuli (Ringen) gefasst.
Die böhmische Granat-Tradition entsteht im 16. Jahrhundert. Granat-Vorkommen in den böhmischen Mittelgebirgen (heute Tschechien) liefern kleine, qualitativ hochwertige Pyrop-Granate, die in regionalen Werkstätten gefasst werden. Im 17. und 18. Jahrhundert (siehe Barock (ca. 1600–1750), Georgianische Epoche (1714–1837)) entwickelt sich die spezifische Pavé-Goldfassung: Hunderte kleiner Granate werden dicht an dicht auf eine Goldplatte gesetzt, sodass die gesamte Schmuckfläche flammendrot leuchtet.
In der viktorianischen Epoche (siehe Viktorianische Epoche (1837–1901)) erreicht der böhmische Granatschmuck seine internationale Hochphase. Auf den Wiener Weltausstellungen 1873 und der Pariser Weltausstellung 1878 stellen böhmische Werkstätten ihre Garnituren aus - Brosche, Ohrringe, Armband, Ring und Halskette als zusammengehöriger Schmuck-Satz. Die Stücke werden vor allem im deutschsprachigen Bürgertum populär (siehe Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert) und etablieren sich als regionaler Halbtrauer-Schmuck.
Mit dem Niedergang der ritualisierten Trauer-Mode nach dem Ersten Weltkrieg verliert auch der böhmische Granatschmuck an Bedeutung. Die Werkstätten in Turnov (Tschechien) produzieren weiter, vor allem für den Touristenmarkt; die Pavé-Technik wird bis heute traditionell weitergeführt.
Granat im Trauer-Dresscode
Im strikten viktorianischen Trauer-Dresscode war der Wechsel zwischen den Trauer-Phasen detailliert geregelt:
- Volltrauer / Crepe Mourning (Witwen: 1 Jahr, andere: 3–6 Monate): ausschließlich Schwarz (Jet, Vulkanit, Bog Oak, Schwarz-Email - siehe Whitby Jet, Vulkanit (Ebonit), Bog Oak (Mooreiche), Schwarzes Email (Schwarzemail))
- Halbtrauer (Witwen: 6 Monate, andere: 3 Monate): gedecktes Farbspektrum - Lila, Grau, Weiß, dunkles Rot; Granat tritt hier auf
- Letzte Trauer (Witwen: 3 Monate, andere: 1–2 Monate): hellere Farben - Hellgrau, Mauve, Hellrosa; Granat tritt zurück
Granat war damit ein klar codiertes Material der mittleren Trauerphase. Eine trauernde Frau trug in den ersten Wochen Whitby-Jet (siehe Whitby Jet), wechselte später zu Granat-Schmuck und dann zu Perle oder hellem Email - eine durchaus aufwendige Schmuck-Karriere, die in wohlhabenden Familien streng eingehalten wurde.
Verarbeitung und Schliffe
Granat lässt sich in verschiedenen Schliffen einsetzen:
Rosenschliff. Der klassische böhmische Granat-Schliff: eine flache Unterseite, eine kuppelartige Oberseite mit pyramidalen Facetten. Wirkt unter Kerzenlicht besonders feurig. Standard im 17.–19. Jahrhundert.
Cabochon. Glatter Halbrund-Schliff, glänzend poliert. Für größere Einzelgranate verwendet, weniger für die böhmische Pavé-Tradition.
Brillantschliff. Moderner Schliff mit hoher Lichtreflexion; bei kleinen böhmischen Granaten weniger üblich, bei größeren Einzelgranaten gängig.
Tafelschliff. Flacher Schliff für Granate, die als Wappen- oder Siegelstein verwendet werden.
Die böhmische Pavé-Fassung erfolgt klassisch auf einer Goldplatte (Tombak, später 9 oder 14 Karat Gelbgold), in die feine Bohrungen für die einzelnen Granate eingebracht werden. Jeder Granat wird einzeln eingesetzt und mit einer Kornfassung gesichert.
Granat im modernen Erinnerungs-Markt
Granat erlebt im modernen Erinnerungsschmuck-Markt ein leises Comeback - aus mehreren Gründen:
Geburtsstein-Symbolik. Granat ist der Geburtsstein des Januars und wird daher gerne in Erinnerungs-Stücken für im Januar geborene oder verstorbene Personen verwendet.
Familien-Erbstücke. Antike böhmische Granat-Garnituren werden heute oft in Erinnerungs-Stücke integriert - etwa als zentraler Stein eines neuen Asche-Anhängers oder als Akzent in einem Fingerabdruck-Schmuckstück.
Symbolik der dauerhaften Treue. In der mittelalterlichen und barocken Symbolik gilt Granat als Stein der ewigen Treue und der intensiven Zuneigung - eine Aufladung, die in modernen Erinnerungs-Kontexten an Bedeutung gewinnt.
Preisniveau. Granat ist deutlich günstiger als Rubin, optisch aber ähnlich. Für Erinnerungs-Stücke mit Rot-Akzent ist Granat das Material der ersten Wahl.
Pflege
Granat ist vergleichsweise robust:
- Härte 7–7,5 - alltagstauglich, kratzfest gegen die meisten Alltagsmaterialien
- Spaltbarkeit gering - nicht splitter-anfällig, gut für Ring-Verwendung
- Lichtbeständig - verfärbt nicht durch UV
- Reinigung: mit Schmuck-Tuch, gelegentlich mit warmer Seifenlauge; Ultraschall ist meist unkritisch, sollte aber bei Stücken mit Schwarz-Email-Akzent vermieden werden
Bei der Aufbewahrung sollte Granat nicht in direktem Kontakt mit weicheren Edelsteinen (Perle, Bernstein, Opal) liegen - die Härte des Granats kann diese kratzen. Antike böhmische Pavé-Stücke sollten nicht aggressiv geputzt werden - die feinen Kornfassungen können sich lockern.
Fragen rund um diesen Eintrag
- War Granat ein Trauer-Stein?
Granat war kein Material der Vollernsten Trauer - diese Phase verlangte ausschließlich Schwarz (Jet, Onyx, Schwarz-Email). In der Halbtrauer, der zweiten und dritten Trauer-Phase im 19. Jahrhundert (siehe Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert), war ein gedecktes Farb-Spektrum erlaubt: dunkles Lila, Grau, Weiß, dunkles Rot. Hier war der Granat - vor allem der dunkle böhmische Pyrop - das wichtigste rote Material. Granat- Broschen und Granat-Halsketten waren in der mitteleuropäischen Halbtrauer ein etablierter Bestandteil der Schmuck-Toilette.
- Was ist "böhmischer Granat"?
Eine eigene Schmuck-Tradition, die ab dem 16. Jahrhundert in Böhmen (heute Tschechien) entstanden ist. Die kleinen, dunkel-feurigroten Pyrop-Granate aus den Vorkommen bei Třebenice, Podsedice und Měrunice werden in dichter Anordnung (pavé) auf Goldgrund gefasst. Eine Garnitur - Brosche, Ohrringe, Armband, Ring - ist über und über mit kleinen Granaten besetzt; die typische Optik ist eine flammende, leuchtende Rotfläche. Im 19. Jahrhundert war böhmischer Granatschmuck international bekannt und wurde im gesamten deutschsprachigen Raum als regional spezifischer Halbtrauer-Schmuck gehandelt.
- Wie unterscheiden sich die Granat-Varianten?
Granat ist eine Mineralgruppe mit mehreren Varianten. Pyrop - dunkelrot bis schwarzrot, das klassische „böhmische“ Trauer-Granat-Material. Almandin - violettrot, etwas dunkler, in Indien und Sri Lanka vorkommend. Spessartin - orange, selten im Trauerkontext. Rhodolith - rosa-violett, Mischkristall aus Pyrop und Almandin. Tsavorit und Demantoid - grün, nicht im Trauerkontext. Almandin- und Pyrop-Varianten waren die relevanten Trauer-Steine des 19. Jahrhunderts.
Weiterführende Literatur
- Böhmischer Granat - Geschichte einer Schmucktradition - Karel Tucek (1976)
- Sentimental Jewellery - Shire Library - Ann Louise Luthi (2007)
- Mourning Dress - A Costume and Social History - Lou Taylor (1983)
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