Zelluloid (Trauer-Schmuck-Imitat)
Zelluloid ist der erste industriell hergestellte Kunststoff der Geschichte (1869) und wurde im späten 19. Jahrhundert zur preisgünstigen Imitation von Jet, Elfenbein und Bernstein im Massen-Trauerschmuck der spätviktorianischen Mittel- und Unterschicht - die erste „Demokratisierung“ des Trauer-Schmucks und gleichzeitig der Beginn des Niedergangs der edlen Trauermaterialien.
Verfasst von Dr. Helene Vasall
Zelluloid ist eine technische und kulturelle Zäsur in der Geschichte des Trauer-Schmucks. Mit seiner Erfindung 1869 und der industriellen Massenproduktion ab den 1880er Jahren beginnt erstmals die plastische Imitation edler Schmuckmaterialien in großem Stil. Whitby-Jet (siehe Whitby Jet), Vulkanit (siehe Vulkanit (Ebonit)), Bernstein (siehe Bernstein) und Elfenbein (siehe Elfenbein) - alle wurden zwischen 1880 und 1920 massenhaft durch Zelluloid imitiert. Das Ergebnis: eine Demokratisierung des Trauer-Schmucks (auch ärmere Schichten konnten dem Trauer-Dresscode entsprechen) und gleichzeitig der Beginn des industriellen Niedergangs der edlen Trauer-Material-Werkstätten (Whitby-Jet-Industrie, Berliner Eisen-Manufakturen, traditionelle Bernstein-Schnitzer in Königsberg).
Material und Eigenschaften
Zelluloid ist eine Mischverbindung aus Nitrozellulose und Kampfer mit folgenden Eigenschaften:
- Grundsubstanz: Nitrozellulose (Schießbaumwolle mit reduziertem Nitratgehalt)
- Weichmacher: Kampfer (5–20%) - gibt dem Material seine Bearbeitbarkeit
- Pigmente: Beimengungen für die jeweilige Farb-Imitation
- Dichte: ca. 1,3–1,4 g/cm³ - deutlich leichter als Jet (1,3 g/cm³ tatsächlich vergleichbar, aber Jet wirkt schwerer wegen Materialdichte) und Elfenbein (1,8 g/cm³)
- Härte: Mohs ca. 2; deutlich weicher als die imitierten Materialien
- Schmelzverhalten: erweicht bei ca. 70–80°C, schmilzt um 90°C
- Brennbarkeit: leicht entflammbar, brennt mit hellem Licht und Kampfer-Aroma
Geschichte
Erfindung (1869). John Wesley Hyatt, ein amerikanischer Erfinder, sucht nach einem Ersatzmaterial für Elfenbein - ausgelöst durch einen ausgeschriebenen Preis der Firma Phelan and Collender für eine günstige Alternative zum Elfenbein-Billardball. Hyatt entwickelt eine Mischung aus Nitrozellulose und Kampfer, die er 1869 patentiert. 1870 registriert er den Markennamen Celluloid - der erste industrielle Kunststoff der Geschichte.
Frühe Produktion (1870er Jahre). Zelluloid wird zunächst für Billardbälle, Kämme, Knöpfe und Brillengestelle verwendet. Schmuckanwendungen sind zunächst Nebensache.
Trauer-Schmuck-Boom (1880er–1890er Jahre). Mit der Hochphase der ritualisierten viktorianischen Trauer-Mode (siehe Viktorianische Epoche (1837–1901)) und dem Druck breiterer Bevölkerungsschichten, dem Trauer-Dresscode zu entsprechen, entsteht ein massiver Markt für preisgünstigen Trauer-Schmuck. Zelluloid wird zur dominanten Lösung. Birmingham, Pforzheim, Idar-Oberstein und Paris werden zu Zentren der industriellen Zelluloid-Trauer-Schmuck-Produktion.
Hochphase (1890–1914). Zelluloid-Trauer-Schmuck wird in millionenfacher Stückzahl pro Jahr gefertigt. Typische Produkte: schwarze Zelluloid-Trauerketten (siehe Trauerkette), Zelluloid-Trauerbroschen mit aufgeprägtem Trauer-Symbol (Anker, Trauerweide, Kreuz), Zelluloid-Trauer-Ohrringe (siehe Trauerohrringe). Die Stücke imitieren primär Whitby-Jet und Vulkanit; sekundär auch Bernstein (in honig-bis braunen Tönen) und Elfenbein (in cremeweißem Zelluloid).
Erster Weltkrieg und Niedergang (1914–1925). Die rituelle Trauer-Mode kollabiert mit dem industrialisierten Massen-Sterben des Ersten Weltkriegs (siehe Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert). Trauer wird privatisiert; der Trauer-Dresscode verschwindet weitgehend. Damit verschwindet auch der Markt für Zelluloid-Trauer-Schmuck. Die Produktion verlagert sich auf allgemeinen Mode-Schmuck und Alltags-Gegenstände.
Zwischenkriegszeit (1920er–1940er Jahre). Zelluloid bleibt im allgemeinen Mode-Schmuck präsent (Art-Déco-Schmuck nutzt Zelluloid massiv), aber nicht mehr im Trauer-Schmuck. Ab den 1940er Jahren wird Zelluloid wegen seiner Brennbarkeit zunehmend durch andere Kunststoffe (Acetatzellulose, Bakelit, Polystyrol) ersetzt.
Heute. Zelluloid wird nicht mehr aktiv für Schmuck verwendet. Antike Zelluloid-Trauer-Stücke aus den 1880er bis 1920er Jahren sind Sammler-Objekte mit kleiner, aber treuer Sammler-Gemeinde.
Verarbeitung
Zelluloid lässt sich vielfältig verarbeiten:
Pressen. Heißes Zelluloid (60–80°C) wird in Stahlformen gepresst. So entstehen Anhänger, Broschen-Köpfe, Knöpfe und Perlen in millionenfacher Massenproduktion. Die Standard-Schmuck-Form wird in 10–30 Sekunden pro Stück gefertigt.
Gießen. Flüssiges Zelluloid wird in Formen gegossen - vor allem für größere Stücke (Armreife, große Anhänger). Diese Variante ist seltener und entsteht in spezialisierten Werkstätten.
Schnitzen. Zelluloid lässt sich mit feinen Werkzeugen schnitzen - vor allem Imitate des geschnitzten Jet werden so produziert. Die Schnitzqualität reicht von einfachen Profilen bis zu sehr feinen Detail-Schnitzereien.
Pressen mit Negativ-Reliefs. Trauer-Symbole (Anker, Trauerweide, Kreuz) werden als Negativ-Relief in die Pressform eingearbeitet; das fertige Stück trägt das Symbol als plastisches Relief auf der Vorderseite.
Einfärben. Zelluloid lässt sich in fast alle Farben einfärben. Für Trauer-Schmuck dominiert tiefschwarz mit leicht violettem Schimmer (Jet-Imitation), aber auch dunkelbraun (Vulkanit-Imitation), honig-bernstein-farben und elfenbein-cremeweiß werden produziert.
Bemalen. Bunte Akzente werden teils nachträglich aufgemalt - etwa goldene Inschriften, weiße Trauerweiden-Reliefs oder farbige Engelsmotive.
Imitations-Strategien
Zelluloid imitiert mehrere Schmuck-Materialien gleichzeitig:
Jet-Imitation (Whitby-Jet, siehe Whitby Jet). Tiefschwarzes Zelluloid mit poliertem Glanz. Unterschied: Zelluloid ist deutlich leichter als Jet, der unter Reibung warm wird, glänzt aber genauso intensiv.
Vulkanit-Imitation (siehe Vulkanit (Ebonit)). Mattschwarzes Zelluloid mit leichtem Matt-Glanz. Unterschied: Zelluloid altert anders (gelb-braune Verfärbung statt Vulkanit-typischer Verbraunung).
French Jet (siehe French Jet). Vor Zelluloid war French Jet (schwarz gefärbtes Glas aus Paris) das wichtigste industrielle Jet-Imitat. Mit Aufkommen von Zelluloid wird French Jet weitgehend verdrängt - Zelluloid ist leichter zu verarbeiten und billiger.
Bernstein-Imitation (siehe Bernstein). Honig- bis goldgelbes Zelluloid mit leicht transparentem Eindruck. Imitiert vor allem Pressbernstein, nicht echten naturalistischen Bernstein mit Insektenfunden.
Elfenbein-Imitation (siehe Elfenbein). Cremeweißes Zelluloid mit eingearbeiteten feinen Linien, die Elfenbein-Maserung andeuten. Wird oft als „Vegetable Ivory“ oder „French Ivory“ vermarktet.
Sozial- und Kulturgeschichte
Zelluloid hat zwei gegenläufige kulturhistorische Bedeutungen:
Demokratisierung des Trauer-Schmucks. Erstmals in der Geschichte konnten breitere Bevölkerungsschichten - auch Arbeiter:innen und Dienstboten - den gesellschaftlich vorgeschriebenen Trauer-Dresscode einhalten. Eine Köchin, ein Stallbursche, ein Tagelöhner konnten sich eine Zelluloid-Trauerbrosche für wenige Pence leisten und damit gesellschaftlich respektabel trauern. Dieser Demokratisierungs-Effekt war im viktorianischen Klassen-System bedeutsam.
Niedergang der edlen Trauer-Materialien. Gleichzeitig leitete Zelluloid den Niedergang der traditionellen Trauer-Material-Industrien ein. Die Whitby-Jet-Werkstätten (siehe Whitby - Gagat-Werkstätten an der Yorkshire-Küste) verlieren ab 1890 dramatisch Marktanteil; die meisten schließen zwischen 1900 und 1920. Die Berliner Eisen-Manufakturen (siehe Berliner-Eisen-Manufakturen) reduzieren ihre Trauer-Produktion entsprechend. Die böhmische Granat-Industrie verliert ihren Halbtrauer-Markt an günstige Glas- und Zelluloid-Imitate.
Zelluloid heute
Im modernen Schmuckmarkt spielt Zelluloid keine aktive Rolle mehr - die Brennbarkeit und der chemische Zerfall machen das Material für moderne Schmuckanwendungen unbrauchbar. Im Sammler-Markt sind antike Zelluloid-Trauer-Stücke eine kleine, aber treue Sparte:
- Einfache Zelluloid-Trauerbrosche (1880er Jahre): 20–80 €
- Aufwendige Zelluloid-Trauerkette mit geschnitzten Gliedern: 60–250 €
- Zelluloid-Schmuck-Set (Brosche + Ohrringe + Anhänger): 150–500 €
- Besondere Stücke mit Provenienz oder ungewöhnlichem Design: bis 1.500 €
Authentifizierung erfolgt meist über die genannten Tests (Gewicht, Wärmeverhalten, UV-Fluoreszenz). Bei Verdacht auf Echtheit echter Trauer-Materialien (Jet, Vulkanit) lohnt sich eine spezialisierte Begutachtung - die Preisunterschiede zwischen authentischem und imitiertem Material sind teils erheblich.
Aufbewahrung antiker Zelluloid-Stücke
Antike Zelluloid-Schmuckstücke sind pflegeintensiv:
- Separat aufbewahren - Zerfallsprodukte (Stickoxide) können andere Schmuckstücke und Verpackungen angreifen
- Atmungsaktive Aufbewahrung - Papierschachteln statt luftdichter Plastikbeutel
- Kühl und dunkel - Hitze und UV-Licht beschleunigen den Zerfall
- Keine Hitzequellen - wegen Brennbarkeit nicht in Nähe von Lampen, Heizungen oder offenen Flammen lagern
- Bei beginnender Verfärbung oder Versprödung - Sammler-Wert nimmt drastisch ab; einsatzfähige Lebensdauer eines Zelluloid-Stücks liegt typischerweise bei 80–120 Jahren
Zelluloid ist ein wichtiges Material für das Verständnis der Industrialisierung der Schmuck-Produktion und der Demokratisierung der Trauer-Kultur im späten 19. Jahrhundert. Als aktives Schmuckmaterial spielt es heute keine Rolle mehr - aber als historisches Material erzählt es eine zentrale Geschichte über den Übergang von der handwerklich gefertigten Trauer-Toilette der Oberschicht zur industriell produzierten Trauer-Massenware aller Schichten.
Fragen rund um diesen Eintrag
- Wie unterscheidet man Zelluloid von echtem Jet?
Mehrere Tests. Gewicht: Zelluloid ist deutlich leichter als Jet - bei gleicher Größe spürbar „hohler“. Wärmeverhalten: Zelluloid wird unter Reibung schnell warm und gibt einen schwach-aromatischen Kampfergeruch ab; Jet bleibt kühl. Heiße Nadel (zerstörender Test): eine kurz erhitzte Nadel schmilzt sich in Zelluloid ein und hinterlässt einen klaren Plastik-Geruch; bei Jet zischt es ohne charakteristischen Geruch. Bruchverhalten: Zelluloid bricht splittrig, Jet eher pulverig-spröde. UV-Test: Altes Zelluloid fluoresziert oft gelb-grün unter UV-Licht; Jet nicht.
- War Zelluloid-Trauer-Schmuck billig oder hochwertig?
Klar günstig. Eine Trauer-Brosche aus Zelluloid kostete um 1890 etwa ein Zehntel eines vergleichbaren Whitby-Jet-Stücks. Zelluloid-Trauer-Schmuck war das Material der unteren Mittelschicht und der Arbeiterschicht - Schichten, die sich echten Trauerschmuck nicht leisten konnten, aber im strikten viktorianischen Trauer-Dresscode (siehe Bürgertum und Trauerschmuck im 19. Jahrhundert) dennoch dunklen Schmuck tragen mussten. Die Stücke wurden in Birmingham, Pforzheim und Paris in großen Mengen industriell gefertigt - millionenfach pro Jahr in der Hochphase.
- Ist Zelluloid sicher zu tragen oder zu lagern?
Mit Einschränkungen. Zelluloid ist hochentflammbar - der historische Sicherheits-Skandal um Kino-Zelluloid-Filme zeigte das massiv. Schmuck- Zelluloid hat geringeres Brandrisiko, sollte aber von offenen Flammen und Hitzequellen ferngehalten werden. Zerfall mit der Zeit: Zelluloid baut sich über Jahrzehnte chemisch ab - alte Stücke werden brüchig, verfärben sich gelb-braun, geben Stickoxide ab. Diese Zerfallsprodukte können andere Schmuckstücke und Verpackungen beschädigen. Antike Zelluloid-Stücke sollten daher separat aufbewahrt werden, idealerweise in atmungsaktiven Papier-Boxen. Für moderne Trauer- Verwendung ist Zelluloid heute nicht empfehlenswert - sicherere moderne Kunststoffe und natürliche Materialien sind verfügbar.
Weiterführende Literatur
- Plastic Jewelry of the Twentieth Century - Lyngerda Kelley (2003)
- Mourning Dress - A Costume and Social History - Lou Taylor (1983)
- Celluloid - The Material that Changed Industry - Robert Friedel (1983)
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